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Diese Tugenden waren durch Uebung von Kindheit auf so sehr ihr zur an-dern Natur geworden, daß diejenigen, welche mit ihr näher umgingen, selbe nichtals die Frucht einer fortgesetzten Selbstüberwindung, sondern als Eigenschaften ihresnatürlichen Charakters ansahen: Noch mehr muß man staunen, daß diese Tugenden,welche eher innerhalb der 4 Mauern eines Klosters oder in einer einsamen Hütteerzeugt werden könnten, ans einem königlichen Hofe mitten unter Pracht, Herrlich-keit und Verführung hervorgingen, nnd daher eine größere Kraft znr Bezähmungder Neigungen erforderten.
Obwohl freundlich mit Allen, so war sie doch im Umgänge so zurückhaltend,daß, wie man auch vom heil. Aloisinö liest, sie niemals einem Herrn des Hofesin'S Gesicht sah, noch auch je, weder vom Obersthofmeister oder einem Andern, sichbeim Ein- nnd Aussteigen aus dem Wagen den Arm reichen ließ. Zierereien einerBetschwester! wird hier mancher Nasenweise höhnisch ausrufen, nnd dennoch ließendiese „Zierereien" die Heiligkeit auf einem Throne leuchten, während das zu freieBenehmen der Jungfrauen, seien sie auch noch so vornehm, nichts als Unruhe imKerzen nnd Unfrieden in den Familien nnd Anstoß in den Städten verursacht.
Diese nngemeine Delicatesse und Eingezogenheit im Umgänge machte sie aberkeineswegs unfreundlich oder skrupelhasl oder blöde, im Gegentheil wird von Solchen,die lange nm sie waren, versichert, daß sie stets sehr artig und immer frei vonSkrupeln gewesen sei. Auch ward sie von Allen als sehr geistreich und vernünftiganerkannt und besonders von der ältern Schwester in zweifelhaften Fällen zu Rathegezogen, wie dies auch in den Verhandlungen dargelegt wird, wo es heißt: „Von Kind-heit an war sie mit einer besondern UrtheilSkrast begabt, und schon als Mädchenkonnte man sie eine weise Frau nennen; ihre ältere Schwester Marianna erholtesich oft bei ihr NatheS, den sie ihr immer sehr klar nnd einfach, aber auch sehr klugzu vollster Befriedigung und zur Verwunderung der Schwester ertheilte."
Obwohl wir hier nur einen sehr kurzgefaßten Abriß der vielfältigen TugendenChristinens bis zu ihrem 20stcn Jahre gegeben haben, so ist dies doch hinreichend,um in ihr eine cngelgleiche Seele zn erkennen, welche, wie ihre Schwestern sagten,die Sünde Adams nicht ererbt zu haben schien. Ja die Kaiserin Marianna, derenhervorragende Tugenden der Welt bekannt sind, glanbt versichern zn können, „daßsolange ihre Schwester mit ihr zusammenlebte, selbe gewiß nie eine schwere Sündebegangen habe."
Man sollte meinen, daß eine Blume solch auserlesener Tugenden, welche auchvom Himmel mit besonder,« Wohlgefallen ausgezeichnet wurde, in irgend ein ver-borgenes Gärtchen eines einsamen Klosters gepflanzt werden sollte, um dort sich nochmehr zn veredeln, nnd die Anzahl jener bevorzugten Jungfrauen zu vermehren,welche ungekannt von der Welt nnd selbst derselben unkundig, leicht und zart überdiese Erde hiuschwcben, ohne selbe kaum berührt zn haben. Dieß wäre auch derheißeste Wunsch Christinens gewesen. Jedoch unter den vielen Fesseln, welche dasLeben der Höfe mit sich führt, ist auch jene, daß die berechtigtsten Neigungen desHerzens und oft selbst das edle Sehnen einer der Welt fremden Seele dem sogenanntenStaatSwohle geopfert werden müssen. Wir wollen damit nicht gesagt haben, daßdieß bei Christina auch der Fall gewesen sei, da ihr die Vorsehung in Ferdinand ll.einen ihrer würdigen Gemahl ausersehen hatte. Dennoch mußte sie bei Einwilligungin jene Verbindung einen anstrengenden Sieg über ihre LieblingSneigungeu erringen,worüber aber sowohl die Kirche, als das Königreich beider Sicilieu sich nur Glückwünschen durften.
(Fortsetzung folgt.)