Ausgabe 
20 (5.2.1860) 6
Seite
47
 
Einzelbild herunterladen

47

Rücksichtlich der einzelnen Stationen, die wir auf dem Lande versehen, könnenwir wenig mehr thun, als den Leuten Gelegenheit zum Empfange der heil. Sakra-mente zu bieten, und, wo es möglich ist, Schulen zu unterhalten. Gewöhnlich er-halten in diesen 00 bis 40 Kinder Unterricht. Eine dieser Stationen, acht Meilenvon Baltimore , hat sich seit einigen Jahren so gehoben, daß eine neue, ziemlich großeKirche gebaut werden mußte, die etwa 7 800 Menschen faßt. Sie steht ganzisolirt da, nur ein Hans nebst dem Schnlhanse ist sichtbar, wenn man an denPlatz kommt; alles Andere scheint Wildniß zn sein. Aber rings herum in einemUmkreise von 6 7 engt. Meilen sind so viele einzelne Hütten versteckt, daß jetztschon bei 500 deutsche und englische Katholiken zum monatlichen Gottesdienste zu-sammenkommen. Wenn irgendwo eine Kirche gebaut wird, ist es gerade, als wenndie Katholiken anS dem Boden hervorwüchsen. Wo man anfänglich nur 10 ver-muthete, zeigen sich gleich 20, und es stellt sich Mancher als Katholik heraus, densonst Jedermann für einen Protestanten angesehen hatte. Größere Stationen ver-sehen PittSbnrg und andere Häuser.

Das bisher Gesagte wird genügen, um sich von dem Erfolge der PatresRedemptoristen in ihrem gewöhnlichen und tagtäglichen Wirkungskreise in Nordamerika eine Vorstellung bilden zu können. Es erübrigt nur noch, auch etwas über jeneArbeiten beizufügen, die deren eigenthümlichen Beruf ausmachen über dieMissionen.

(Schluß folgt.)

Arm und Reich.

Don Karl Beycrl.

I

Gut, weil ich noch ein Bettler, will ich schelten,

Und sagen, Reichthum sei die ctnz'ge Sünde,

Und bin ich reich, spricht meine Tugend frei.

Kein Laster geb' es, außer Bettelei.

Shakespeare .

Seht jene Gebäude rechts und links der Straße! Dort ragt im Mondlichtschimmernd der Palast deS Reichen aus den Platanen des Parkes, hier wirft dasHäuschen des Armen einen düsteren Schatten auf das schmale Kraulbect, das derMangel vor der Zeit entblätterte! Welcher Kontrast! Nun verschwindet der Mondhinter Wolken und die Nacht verhüllt mit dunklem Schleier Palast und Hütte.Deckt sie auch die großen Gegensätze des Lebens? Diese verschwinden nie; selbst imTranme noch lächelt der Glückliche, weint der Hungernde!

Fröhliches Tönen wogt hernieder von den hohen, hell erleuchteten Bogenfen-stern des Reichen, die Hütte ist stumm, doch nein, tritt näher, neige dein Ohran die zerbrochenen Scheiben, und vielleicht dringt ein klagender Ton an dein Herz,der das darin schlummernde hohe Lied zum vollen Klänge weckt.

Besuchen wir die Wohnung einer armen Taglöhnersfamilie. Eine Thran-lampe beleuchtet mit düsterem Scheine ein ernstes Bild. Die Mutter sitzt angstvollam Bettchen des jüngsten Kindes. Die vier anderen Kinder theilen das Strohlagerdes Vaters auf dem harten Boden. Die Frau blickt schmerzlich auf das rauhe, mitLumpen bedeckte Lager des kranken Kindes; sie steht auf und sucht in dem Kastenin der Ecke. Ihr Sountagshalstuch fällt ihr in die Hand; sanft breitet sie es demKinde unter, dann kniet sie vor dem Beuchen nieder, lauscht auf die Aihemzüge desKleinen und betet,, indeß Thräne um Thräne über ihre bleichen Wangen rollt:OJesus, Jesus! hilf du, sonst kann ja Niemand helfen!"