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Die arme Fran hörte die Stnndenschläge einer großen Wanduhr vom Palasteherüberdröhnen. So oft die Uhr schlug, zählte sie ängstlich, als hoffte sie, sich dasletztem«! getäuscht, einen Schlag überhört zu haben.
Um Mitternacht erlosch die Lampe und die Unglückliche brach zusammen unterdem unsäglichen Elende der Armuth, die das Nothwendigste entbehren muß; selbstdas Licht am Lager des todtkranken KindeS!
Um zwei Uhr erwachte der Mann, stand auf, fragte besorgt nach dem Kinde
und ging dann fort, der schweren Arbeit dieses Tages nach.
Noch eine qualvolle Stunde. Endlich flammte es im Osten. „ES werdeLicht!" rief unwillkürlich die Frau, ergriffen von der Bedeutung dieser Liebeswortedes Schöpfers, die der Mensch erst dann recht innig erfaßt, wenn er leidend einejener entsetzlich langen Nächte durchwacht, in welchen das Leben rings um den Ein-samen wie erstürben schlummert und Niemand mit ihm spricht, als der unabläßigpochende Schmerz.
Die Glocken der Stadt begrüßten fröhlich den jungen Tag, da rollte eineChaise vor das Häuschen, ein alter Herr mit schneeweißen Haaren, aber heiteren,
fast jugendlich liebenswürdigen Zügen sprang heraus und trat in das Stübcheu.
„Gott belohne Sie, Herr Doctor!" rief die Frau innig. „Christenpflicht!" sprachDoctor Helfer, „hat das Kind geschlafen?" — „Die ganze Nacht."
„Gut, es ist gerettet. Geben Sie ihm das Säftchen noch fort, eS wird sichbald erholen. Sorgen wir aber auch ein wenig für die andern Kinder und für Sie,gute Frau! kochen Sie ein kräftiges Süppchen! Behüte Sie Gott !"
Der Doctor eilte hinaus und die Chaise rollte weiter. Auf dem Bettchen desKindeS lag ein blanker Frauemhaler. „O du guter, herrlicher Mensch!" rief diegerührte Mutter mit Freudenthränen, „wohin du trittst, bringst du Genesung, Trostund Hilfe! O Gott! laß dieses edle Herz immer einen Himmel in sich tragen."Das Kind erwachte und blickte die Mutter mit hellen Augen an. Entzückt küßtesie ihr wiedergeschenkteS Glück.
Einige Stunden darnach kam der Mann nach Haus. Er hatte sich durcheinen unglücklichen Hieb mit der Sense am Fuße verletzt und war so auf einige Zeitarbeitsunfähig geworden. Die Freude über die Genesung seines Kindes machte einerdumpfen Verzweiflung Platz. Er warf sich auf das Stroh und stöhnte, indeß dieFrau den blutenden Fuß verband: „Jetzt müssen wir verhungern oder die Kinderauf den Bettel schicken." Die Arme seufzte und schwieg.
Die Töne eines Wiener Flügels rauschten vom Palaste herüber, und der Ver-wundete fuhr grimmig fort: „Hörst du, wie der reiche Mann dem armen Musikmacht? Für Instrumente, Pferde und Vergnügungen haben sie Tausende, für denarmen Mann Nichts. O Gott, warum leuchtest du nicht einmal mit einem Straf-blitz in die Häuser der Reichen und zermalmest ihre steinernen Herzen?"
„Frevle nicht," bat die Frau erschrocken, „die Reichen thun viel für die Armen,wir hätten ohne sie kein Brod. Die reiche Frau drüben ist gut und wohlthätig,ich will zu ihr gehen und sie um Hülfe bitten."
„Sie wird dir einige Kreuzer hinwerfen lassen mit der Ermahnung nicht zubetteln," grollte der Mann, „thue eS nicht. Lieber etwas Anderes." — „Gerne,aber was?" fragte die Frau.
(Fortsetzung folgt.)
Redaction und Dr. Mar Huttler. — Druck »ou 3. M. tklcinl«.