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Freude, er rieb sich vergnügt die Hände and sah sie mit einem seligen Lächeln vollGüte an.
So traf Arthur Beide. Dieser wiederholte bloß, daß er im Allgemeinenimmer mehr das Vertrauen zu den Armen verliere. „O Ihnen fällt die letzteKatzenmusik wieder ein!" rief der Doctor.
„Warum nicht?" fragte Arthnr. „Dieß und noch viel mehr. Wie oft habeich Dank gesäet und Undank geärntet, wie oft Haß für Liebe! Lassen Sie mich nurEiniges berühren. Ich unterstützte eine arme Wittwe mit vielen Kindern, sie ver-praßte das Geld mtt eineip liederlichen Burschen, und mir legte der Pöbel die schlech-testen Motive unter; ich unterhielt dürftige Familien, aber die Kinder kamen nichtaus den Lumpen, die Väter nicht anS den Branntweinschenken. Als vor drei Jahrenunser einziges Kind getauft wurde, ließ ich reichlich Almosen vertheilen, und als dasholde Wesen kurz darnach starb, hörte ich zwei Bettler nnter meinen Fenstern sagen:„Dem ist recht geschehen, der Reiche soll auch fühlen, daß er ein Mensch ist."Genug, ich will nicht länger solche Erfahrungen machen; ich gebe jährlich eine nam-hafte Summe in die Armenkasse, damit habe ich gethan, was mau verlangen kann.Sie kennen mich, Sie wissen, von welchem Wohlwollen und Mitgefühle für alleDürftigen mein Herz erfüllt war, und ist, aber auch der beste Wille mnß endlicherkalten, wenn er überall dem sinnlosen Hasse der Besitzlosen gegen die Besitzenden,dem Undanke und der Unwürdigkeit begegnet. Jeder Tropfen Liebe, den Sie in dieMasse werfen, verwandelt sich in Gift in diesem Meere niederer Leidenschaften."
„Nicht doch," rief AgncS mit Begeisterung, „jeder Funke Liebe erhellt weithindiese schauerliche Nacht! Nur die Liebe wird den Haß bezwingen! Es ist Wonne,Gutes zu thun! Sollte es so schwer sein, Herzen zu finden, die dafür empfänglichsind? Heute traf ich sie ungesucht. Seht die guten Lente da drüben am Fenster!Die Matter zeigt freudig das Geld, die Kinder umhüpfen sie, fröhlich sich sättigend,der kranke Mann schleppt sich herbei, er umarmt sein Weib, er nimmt etwas vonder Wand und hält eS an's Fenster, nnn zeigt er es den Kindern — es ist eineUhr, sicher sein einziger Reichthum, er wollte sie wahrscheinlich verkaufen und freutsich nun über ihre Rettnng. Seht nnn falten sie alle die Hände! Sie beten wohlfür mich? Und was that ich denn? Ich gab der armen Frau nur einen freigebi-gen Arbeitslohn, indem ich nnr einmal von der allgemeinen Unsitte abwich, welcheihr Gold verschwenderisch in die reichen Magazine des ausländischen Laras wirftand die nothwendige und mühsame Arbeit der Dürftigen mit dem halben Preisebezahlt."
Arthur blickte freundlicher auf die Erglühende, und-sie fuhr fort: Wir dürfenuns durch nichts abschrecken lassen, gut zu sein, und können wir auch nicht sein wiedie Sonne, die über Gute und Böse mit gleicher Wärme strahlt, so bleibt es dochewig wahr, waS Shakespeares Herzog Vinceutio sagt:
„Der Himmel braucht uns, so wie wir die Fackeln,
„Sie leuchten nicht für sich: wenn unsre Kraft„Nicht strahlt nach außen hin, wär's ganz so gut,
„Als hätten wir sie nicht. Geister sind schön geprägt»Zu schönem Zwecke —.
Agnes blickte wieder zu den frohen Armen hinüber, sie wünschte innig, dießschon früher gethan zn haben, und auS ihrem Innern wallten in die Wohnung derNoth heilige Gedanken, die zu weitlenchtenden Segensstrahlen werden sollten. DerDoctor drückte warm Arthurs Hand und flüsterte: „Lassen Sie Ihre Gemahlin demZuge ihres Herzens folgen, sie wird eine der größten unter den Frauen werden!" —So sprach der gute Doctor und ging, dem armen Manne den Fuß zu verbinden.
(Fortsetzung folgt.)