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Mit Austheilnng von Faustschlägen und Prügeln wurde dieselbe eingeführt,und ihr erstes Geschäft war, herauszubringen, wer die Verwegenheit haben konnte,zur Abfassung eines Bittgesuchs an den Kaiser zu rathen und dasselbe niederzuschrei-ben. Schon floß allenthalben Blut. Da trat beim Anblicke so vieler Glaubensbe«kenner ein Mann hervor, der zur Schonung der Uebrigen bereit war, allein sich demMartertode zu weihen. Sein Name ist Vincent. Er war Schlosser und Chirurg imOrte, geliebt und geachtet von Allen, weil er in Allem Helfer und Stütze im Glau-ben zugleich war. Auf ihn entlud sich nun die ganze Wuth der Popen und derMannschaft. Man schlug ihm die Zähne ein, trat ihn mit Füßen und mißhandelteihn der Art, daß er keinem Menschen mehr gleich sah. Obwohl dem Tode nahe, unter-lag doch seine kräftige Natur nicht ganz, aber er verlor seine Besinnung, und in diesemZustande warf man ihn, schwer mil Ketten belastet, nebst noch drei Andern, die manfür Mitschuldige hielt, grausam in einen schauerlichen Kerker. Da man aber diesem Nurglücklichen kein Gcständniß irgend einer Art zu erpressen vermochte, so kehrte manseine Behausung von unten zu oberst, durchstöberte alle Winkel, um nur ein Anzei-chen von dem angeblichen Staatsverbrechen zu entdecken, etwa eine Liste der Ver-schwornen, oder vielmehr der eifrigsten Katholiken, und diese Hausdurchsuchung ge-schah mit solcher Unmenschlichkeit, daß die Frau des Vincent und eine ihrer Nachba-rinnen, die eben guter Hoffnung waren, eine Frühgeburt erlitten und Beide TagS daraufin Folge dessen starben. Die Gefangenen wurden Anfangs in Deyzna und späterin WitebSk eingesperrt, wo sie vorläufig den gemeinsten Slräflingsarbeiten unter-warfen waren.
Diejenigen, welche bei diesen ersten Vorgängen am meisten durch Grausamkeitsich hervorthaten, waren die Popen, der Polizei-Director Spodariow und der AssessorZalinSki.
Man konnte aber auch nicht einmal eine Abschrift von dem erwähnten Bitt-gesuch au den Kaiser entdecken, so sehr man eine solche aufzufinden sich Mühe gab.Da versuchte man mit der nämlichen Rohheit jene katholischen Geistlichen ausfindigzu machen, bei denen dieses brave Volk während eines fünfzehnjährigen Katacomben-lebens seine Beichte verrichtete. Aber auch hierüber wurde nichts verlantbar, so daßman am Ende den Verdacht schöpfte, eS könnten dieß wohl keine andern sein, alsdie dem Orte zunächst liegenden Dominicaner.
Einige Tage darauf traf der Gendarmerie-Oberst Losiew mit mehreren seinerLeute ein, und gab Befehl, alle Mannschaft von der ganzen Umgebung habe inDzierzanowicze sich zu versammeln. Hierauf verlegte er sie zu den Bauern der PfarreiinS Quartier, mit dem Auftrage, durch alle erdenklichen HauSqnälereien an dem Be-kehrungSwerke mitzuwüken. Er selbst stieg im Schlosse ab und stattete eine Abthei-lung, das sogenannte schwarze Zimmer, mit den nöthigen Folterwerkzeugen für dieBauern aus, die einer nach dem andern herbeigerufen wurden. FortwährendeSchmerzensrufe und Stöhnen von diesem Zimmer her kündeten die Art der apostoli-schen Mission an, die daselbst gehalten wurde.
Unterdessen waren die Popen nicht minder eifrig. Ueberall schlichen sie, zweioder drei beisammen, in und außerhalb der Dörfer umher, und wo sie irgendeinen einzelnen Bauern abseits überraschen konnten, fielen sie über ihn her, schlugenihn nieder mit dem wüthenden Rufe: „Bekenne die Wahrheit und nimm unsernGlauben an."
(Fortsetzung folgt.)