Ausgabe 
20 (19.2.1860) 8
Seite
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Arm und Reich.

Bon Karl BcyerI.

(Fortsetzung.)

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Wc>ui ich die Sprache der Menschen und der Engel redete,hatte aber die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz, odereine klingende Schelle. Ja, wenn ich mein ganzes Vermögenzum Unterhalte der Armen austheilte, und meinen Leib hin-opserte, so daß ich mich verbrennen ließe, es fehlte mir aber anLiebe, iv hülfe es mir nichts.

l. Korinth. XIII. 1. und 3.

Es ist eine der größten Schändlichkeiten der schlechten Literatur, daß sie so oftdie Würde der Frauen in den Staub tritt und ihre Heldinnen namentlich in denhöheren Kreisen als unnatürliche Mannweiber oder als mnth- und kraftloseGeschöpfe malt.

Blickt hin auf die heiligen Heroinen der Vorzeit, seht in der Gegenwart aufjene geweihten Jungfrauen, welche der Welt und ihren Freuden entsagend sich mitinnigster Hingebung dem schweren Berufe der Erziehung widmen oder in freiwilligerArmuth ein ganzes reiches Menschendasein dem dornenvollen Dienste bei Kranken,Sterbenden nnd Todten opfern! Schauet auf die vielen hochherzigen und zartfühlen-den Frauen unserer Zeit vom Throne bis zur letzten Hütte, gedenket eurer Mütterund der Sorgen nnd Schmerzen des Mntterhcrzens! Thut dies Alles, und ihrwerdet die Geschöpfe einer George Sand erbärmlich finden!

Agnes war eine wahrhaft fromme nnd edle Frau. In ihr hatte der Schöpferrecht herrlich sein Ebenbild ausgeprägt: in der schönen Form die schöne Seele. Einreiches, inniges Gemüth, ein unauslöschliches RcchtSgefühl, das Bewußtsein ihrerWürde und Pflicht und vor Allem der reine Wille, nur Gott wohlzugefallen, mach-ten sie zu einem jener liebenswürdigen Wesen, die ihre ganze Umgebung mit einemLichtkreise des Friedens und der Freude erhellen.

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In der weisen nnd eintrachtsvollcn Regierung Gottes wirddie Absichr im allerhöchsten Grade erreicht, nach welchem diemenschliche Politik ringt, daß nämlich jedes Mitglied das ge-meinsame Beste befördere, indem es an seinem eigenen Wohl-sein arbeitet, denn kein verständiges Wesen kann seine wahreGlückseligkeit befördern, ohne ein Wohlthäter der ganzen Schö-pfung zu werden, so genau, so unzertrennlich hänget im StaateGottes das besondere und allgemeine Interesse zusammen.

Moses Mendelssohn .

Arthur, Agnes und der treue Hansfreund saßen in einer Laube im Garten.Agnes erzählte ihren Traum und offenbarte ihren Entschluß, selbst einige armeFamilien zu besuchen und den Armen und Bedrängten fortan den Zutritt zu ihr zugestatten, um ihre Bedürfnisse und die Mittel zur Abhilfe in Wahrheit kennen zulerne».Denn gewiß", fügte sie bei,mit dem kalten Gelde allein ist nicht ge-holfen, dem Armen gereicht oft ein guter Rath, ein freundliches Wort zu größeremNutzen nnd Troste, als ein Geschenk, das ihm blos wie eine Abfindung für seineAnsprüche auf Menschenglück und Menschenrang zugeworfen wird."

Arthur blickte mit Wehmnth in daS unschuldige, von innerem Frieden selig-strahlende Antlitz seiner Gemahlin.Armes Kind", sagte er,fürchtest du keine Ent-täuschung? Wird nicht die Menge deine Seelengute als einen Tribut au ihre wach-