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sende Macht betrachten? Wehe dir, wenn dn die Würdigen beschenkst! die schlimmeMehrzahl wird dir deßwegen znm rachesüchtigen. Feinde. Willst du daS finstereChaos der Leidenschaften, welche über die Masse wogen, mit dem Lichte der Bildungerhellen, die Entarteten mit der sittlichen Reinheit adeln, in welcher die Liebe lebt?Erinnere dich an die Warnung in Schiller'S Glocke:
„Web denen, die dem EwigblindenDes Lichtes Hinnnelsfackel leih'n,
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden,
Und äschert Stadt' und Dörfer ein."
„Erlaube mir", erwiderte Agnes sanft, diesen Versen andere eines bekanntenDichters entgegenzusetzen, die, wenn ich nicht irre, so lauten:
„Was der größte Schmerz im Leben?
Ganz in Liebe zu entbrennen,
Nah sich stch'n, sich nicht umfassen.
Und sich, ach! nicht lieben können! —"
So ist's zwischen den Vornehmen und Geringen; Gott schuf sie zu gleichemZiele, sie möchten sich gegenseitig beglücken, sie entbrennen in Liebe, sie stehen sichso nahe und können sich nicht umfassen, und ach, nicht lieben! Das ist der großeSchmerz unserer Zeit! Eine Mauer von Eis durchschneidet die Menschheit: derStolz! Leider ist es bittre Wahrheit, daß die Stände vielfach nur in ihrem Kreiseden Menschen anerkennen, daß die Glücklichen verachten, die Entbehrenden trotzen!Die Liebe, welche Alles kann, Alles überwindet, die weltbefreiende Liebe wird auchdiese Götzenmaner mit ihrem Strahle zerbrechen. Durchdränge ein echter christlicherSinn die Welt, o dann wäre nicht dieses Mißbehagen in den feindlich sich aneinan-der reibenden Schichten der Gesellschaft, dann gäbe eS wieder eine hehre einigeMenschenfamilie, die Mißtöne würden nicht mehr in Chören erschallen, sondern ver-einzelt in der großen Harmonie verklingen." .
„Gut, aber wie willst du mit Erfolg in diesem Sinne wirken?" fragte Arthur.„Nichts ist leichter", entgegnete Agnes, „ich wirke im Stillen."
Arthur sann nach. Endlich sagte er gerührt: „Folge deinem Herzen und laßmir die Freude: dich dabei zu unterstützen. Wie wäre es, Doctor! wenn wir auchbeitrügen?" — „Einverstanden!" rief Helfer fröhlich. „Wir wollen uns noch da-rüber berathen. Es wird sich Manches finden." — „Genug, genug!" meinteder Doctor.
„Ich könnte zum Beispiele", sagte Arthur, „fleißigen Gewerbslentcn kleineCapitalien ohne Zins vorschießen?" — „Ja, thun Sie das, solche Capitalien sindnie verloren!"
„Auch werde ich noch mit meinen Freunden darüber sprechen", fuhr Arthurfort. „Ich auch", sagte Helfer.
Agnes lächelte selig. „Fürwahr", sagte sie, „so gut hätte ich eS nicht erwartet.Ihr seid ja schon ganz auf meiner Seite. Lieber Arthur! führe deine edle Absichtdurch, du wirst himmlischen Lohn empfangen. O wie viele Familien, die jetzt fürimmer verloren sind, hätten im rechten Augenblicke mit einer kleinen Beihilfe fürimmer gerettet werden können! Gewiß, dn wirst noch viele dankbare Menschen durchdich glücklich sehen! Nun aber wollt ihr hören, was ich in den letzten drei Tagenso heimlich that, daß es selbst euch verborgen blieb?" Auf die bejahende Bitte deSGemahls und des Hausfreundes holte Agnes ihr Tagbnch und laS:
„Den 16. August 18^8. Mit dem Beistand der Himmelskönigin trat ichheute Nachmittags von Hedwig begleitet meine Reise in das Vandiemensland un-serer Stadt an. Die Vorsehung lenkte unsere ersten Tritte. Wir gingen über denPromcnadeplatz, auf dem eben die Oleanderstanden in voller Blüthe stehen. Wireilten an einer ärmlich gekleideten Frau vorüber, welche ein etwa sechsjähriges Mäd-chen an der Hand führte. „Sieh, Mntter, die schönen Blumen!" rief munter das