Ausgabe 
20 (19.2.1860) 8
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Mädchen.Ach, Kind", sagte die Frau,laß mich mit deinen Blumen, ich wolltelieber, ich wüßte, wo ich auf dse Nacht Brod hernehme." Im Weitergehen hörteich die Frau noch seufzen:Ach Gott! eS ist schrecklich! nun stirb nur, ThereSchen,wir haben nichts mehr zu essen!" Ich wandte mich um und sah ein leidvolles Ge-sicht zum Himmel schauen. Schnell waren wir bei der Frau und gingen mit ihrin ihre Wohnung. Sie ist eine verschämte Hausarme, eine Wittwe mit sieben Kin-dern, zwei davon sind krank, die Mutter muß sie verpflegen und kann also wmigverdienen. Welches Elend!Wir wären ohne den Doctor Helfer, der uns wöchent-lich eine Unterstützung gibt, längst verschmachtet", sagte die Arme. Der edle liebeDoctor, er schenkt Alles seinen Armen, er muß selbst arm sein!

Wenn der gute Doctor wieder zu der Wittwe kommt, wird er freudig sehen,daß Frauenhände dort walteten; die zerrissenen Kleider, die modrige Spreu, diepapiernen Fensterscheiben sind verschwunden, die kleinen Kranken liegen in reinlichenBetten, die gesunden Kinder sitzen sauber gekleidet um ein blankes Tischlein vonFichtenholz und lernen vergnügt und stolz in neuen Schulbüchern; die größerenstricken, spinnen oder malen nach meiner Anleitung Bilderbogen für eine Spielwaaren-Handlung; so verdienen sie schon etwas. Der Mutter, einer geübten Stickerin,habe ich einen Auftrag gegeben und die Materialien verschafft, deren sie znr Stickereibedarf. Es sieht jetzt dort, wo erst eine düstere Keuche war, Alles so freundlichaus, und die Sonne blickt mit Lust durch die hellen, von Schlingpflanzen umranktenFenster über die Blumen, welche ThereSchen bcgießt, in das heitere Stübchen. Mitden Arbeitswerkzeugen, die ich den Guten kaufte, hoffen sie nun, die größte Nothschon abwehren zn können, und die Mutter glaubt, das kleine Capital, das ich beiihr anlegte, nur selten angreifen zn dürfen. Hätte mir doch heute mein Arthur zu-gesehen! Mit dem ersten Tage bin ich sehr zufrieden."

Den 17. August 1848. Heute führte mich Hedwig zu einer Sterbenden.Am äußersten Ende der Hauptstraße hinter den stolzen Palästen der Glücklichensteht in der Stadtmauer ein uralter Thurm. In diesem ist ein enges Gemach, durchdessen zersprungene Fenster der Wind saust. Dort lag eine junge Wittwe auf har-tem Lager. Sie hatte die heiligen Sterbsacramente schon empfangen und betete.Ihre vier Kinder knieten schluchzend neben ihr. Die armen Kleinen, zwei Knabenund zwei Mädchen, sollten nun getrennt werden, denn das Waisenhaus sondert seineZöglinge nach den Geschlechtern ab. Die arme Mutter warf noch einen Blick vollLiebe und Schmerz auf ihre Kinder.Ich will für sie sorgen!" rief ich und sielächelte selig, im Verscheiden noch einen leuchtenden Blick auf mich werfend."

Ich war tief erschüttert und weinte laut mit den Kindern. Hedwig richtetemich auf. Sie gab mir den Rath, die Kinder einer braven, kinderlosen Familie znrErziehung gegen billige Vergütung zn übergeben. Dieß, sagte sie, könnten wir nochöfter thun. So thaten wir denn, wir brachten die Kinder zu einem braven Schreiner,der mit seiner Gattin Elternstelle an ihnen vertreten wird. So werde ich noch öfterverlassenen Kindern einen Vater und eine Mutter geben, und wenn mein Nadelgeldnicht mehr hinreicht, dann weiß ich ja besser als die armen Waisen, wo ich bettelndarf, die Cassa meines theuren Arthur ist ja reich, und noch reicher ist sein Herz."

(Fortsetzung folgt.)

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Äeoacnvil und Verlag: Max Huttlcr.- Lrua ven M. Kleinte.