Ausgabe 
20 (19.2.1860) 8
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Beilage zum AugSb. Sountagsblatt Nro. 8.

Arm und Reich.

(Fortsetzung zu II k

ES war am 15. August 18^8. Die Glocken läuteten feierlich durch dieAbendstille den Tag zur Ruhe, an welchem einst die Himmelskönigin zum Throneihres ewigen Sohnes emporschwebte. Und als das Ave Maria der Thürme ver-hallt war, als die Nacht kam, und die geheimnißvolle Weltenschrift des Allmäch-tigen am Himmel flammte, da eilte Agnes an den Flügel, die Saiten erklangenseelenvoll unter ihren Händen, und in den reinsten Tönen sang sie sehnend undahnend ein Lied an Madonna.

Und drüben öffnete der arme Mann das Fenster und lauschte mit den Seinenund sagte:Müßte ich den Flügel der edlen Frau stundenweis zu ihr schleppen,ich würde en freudig thun. Wie sie singt! So muß es droben über den Sternenklingen!" Als die Reichen drüben anf seidenen Kissen, die Armen herübenauf ihrem Strohlager mit friedlichen, der Versöhnung geöffneten Herzen ent-schlummerten, da schwebten liebende Engel herab auf die Träumenden und ausdem Allerheiligsten des Himmels strömte der Eine Segen des Vaters ungetheiltauf Palast und Hütte. Einschlummernd wiederholte sich Agnes die Gedankenund Gefühle des vergangenen Tages. Sie erinnerte sich, wie sie einst von Visio-nen frommer Seelen gelesen und dabei ungläubig gelächelt hatte jetzt warihre Stimmung eine andere, heiligere sie gedachte der Erscheinung des Engelsvor Maria, der Bekehrung des Paulus, des Auferstehungswunders; sie erwog,wie schon die Gemälde eines Raphael dem Widerglanze aus einer höheren Weltgleichen, wie göttlich erst ein Bild sein müsse, blos vom gläubigen, gotterfülltenGeiste im Momente der glühendsten Entzückung erschaut in einer Schönheit, wiekeine Kunst sie, die überirdische Erscheinung, festzuhalten vermag; sie sehnte sich,ihr Seelenauge möchte einem solcheli Schauen des Unsterblichen, wenn auch nurim Traume, geöffnet werden. Mit diesem Wunsche schloß sie die Augen.

Sie befand sich außerhalb einer großen fremden Stadt. Prächtige Linden-hallen wölbten sich am Ufer eines breiten Stromes, auf dessen blauem Spiegelfestlich geschmückte Schiffe vorüberglitten. Scherzend und plaudernd lustwandeltenHerren und Damen in den Alleen. Inmitten des fröhlichen Treibens saß untereiner Linde ein blinder Greis, in Lumpen gehüllt. Niemand beachtete ihn, vonHunderten kaum Einer warf ihm einen Pfennig zu und hörte mit den heiterenGruppen forteilend nicht mehr sein inniges: Vergelte es Gott ! Nur sein kleinerHund leckte ihm freundlich die Hände und die Linde bot ihm theilnehmend ihrenSchatten. Agnes eilte zu dem Blinden. Die trübe Schrift des Elends standergreifend auf dem lichtlosen Angesichte:

Nicht genug, dem Schwachen aufzuhelfen,

Auch stützen muß man ihn!"

So sprach das edle Herz in ihr, als sie den Armen fragte:Wie geht es, lieberMann, habt ihr Nahrung und Pflege?" Das Antlitz des Greises erheiterte sichzu jenem unbeschreiblich rührenden Ausdrucke, der den Blinden eigen ist. Erlächelte so gutmüthig dankbar, so erquickt und seelenfroh! Mit ihm, dem ver-lassenen Paria der christlichen Gesellschaft, hatte ein Mensch menschlich gesprochen!Er schlug die lichtlosen Augen auf, als müßten sie ihm dieses liebende Wesenzeigen!Mich pflegt Niemand", sprach er,als Kind schon ward ich Waise undblind; seit ich denke, muß ich leider betteln."Armer Mann!" rief Agnes,wo wohnt Ihr, wie schlaft Ihr?"Der Himmel ist mein Dach bei Tage,"erwiderte der Greis >die Nacht habe ich auch schon oft unter diesem Baumezugebracht, aber gewöhnlich lassen mich gute Leute in meinem nahen Heimath-dorfe in Scheunen oder Ställen schlafen." Vom tiefsten Mitleid bewegt sprachAgnes:Kommt, lieber Mann, geht mit mir, auch Euer treues Hündchen sollt