Ausgabe 
20 (19.2.1860) 8
Seite
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Ihr mitnehmen. Ihr sollt nicht mehr betteln, sollt Ruhe für Eure müdenGlieder, Nahrung und Pflege erhalten, kommt, laßt Euch leiten!"

Der blinde Greis richtete sich auf und legte die Hand segnend auf dieStirne der Trösterin, und ein heiliger Schauer durchrieselte sie, als hätte sie derFinger Gottes berührt, ihre Kniee brachen, ihre Augen starrten in himmlischerEntzückung empor, das Gewand des Bettlers leuchtete blendend weiß, und vorihr stand strahlend in unsäglicher Schönheit und Majestät der Welterlöscr, undmit allen Harmonien des Himmels drangen von seinem göttlichen Munde inihre Seele die Worte der Verheißung:Was du immer den Geringsten vondiesen thust, das hast du mir gethan!"

Als Agnes erwachte, strahlte die Morgensonne hell auf die Wirklichkeit umsie, aber die Erscheinung blieb in ihrer Seele, und gläubig dankte sie der ewigenGnade mit glühender Inbrunst. >sie glaubte an eine Weihe von oben, siefühlte diese im seligen Herzen, und tiesdurchdrungen von dieser Weihe, die ihrganzes Wesen um eine Stufe höher im Seelenrciche hob, gelobte sie, sich keiner,irdischen Rücksicht mehr zu unterwerfen und erhaben über alle Furcht vor Men-schcntadel zu sein eine treue Magd des Herrn.

Seit die Arme sie um Arbeit angesprochen, Pflegte die edle Frau täglich,sobald sie angekleidet war, theilnehmend nach den kleinen -Fenstern hinüber zublicken. Sie sah, wie die Strickerin arbeitete vom frühesten Morgen bis in dietiefe Nacht. Liebe und Sorge zogen sie hinüber: sie befürchtete, das Geld möchtenicht ausreichen, die Armen möchten Mangel leiden. Endlich heute war die Un-ermüdliche fertig geworden, Agnes sah es, wie sie Paar auf Paar zusammen-legte und sich zum Ausgehen anschickte. Bald kam sie auch schüchtern mit derfeinen sauberen Arbeit. Agnes äußerte ihre Zufriedenheit und fragte theilnehmendnach den Verhältnissen der armen Familie: da erfuhr sie die volle Wahrheit,den ganzen Umfang des Elendes verschämter Armuth! Lne Unglücklichen hatteneinst bessere Tage gesehen, ja sie waren wohlhabend gewesen, und als sie sichein kleines Anwesen kaufen wollten, da fallirte ein stolzes Haus und begrub mitdem Vermögen vieler Familien auch das ihre. Und nun lange Jahre des Man-gels! Fünf Kinder uud oft kein Brod! Und im Winter keine warmen Kleider,keine Betten, kein Holz! Und inmitten des Jammers, des Hungers, welchesGottvertrauen, welche Redlichkeit! Welche Anstrengung der müden Hände, derthränendunklen Augen noch bei Lampenlicht und Mondenschein! Diese Frau,welche schöne Seele im Gewände der Demuth und Niedrigkeit!Als meinältestes Mädchen", schloß Hedwig ihre Erzählung,vier Jahre alt war, wolltees das Waisenhaus aufnehmen. Wir waren für diese Wohlthat dankbar undgaben das Kind her. Aber wir hatten keine Ruhe. Die ganze Nacht durchglaubte ich mein Kind schreien zu hören, und als es Tag ward, ging mein Mannund holte es wieder 0 wie weinte die Kleine vor Freude an meinem Halse,und ich mit ihr!" Agnes war Anfangs gesonnen, eines von den Kindern zu sichzu nehmen, jetzt stand sie davon ab, aber ein anderer, ein großer, heiliger Ge-danke erleuchtete sie. Wie verklärt stand sie da, und die Arme glaubte zu träu-men, als die reiche Dame sie Plötzlich umschlang, ihre Hand ergriff und innigbat:Seien Sie meine Freundin!" Die Arme wagte nicht zu antworten, undAgnes fuhr fort:Ja, Sie müssen meine Freundin sein! In uns Beidenreichen sich jetzt Armuth und Reichthum die Hände zur Versöhnung, zum Frie-den! Die Welt ist zerklüftet; auch in dieser Stadt gähnt zwischen den Reichenund Armen ein schwarzer Riß, ein Abgrund des Hasses ein Hauch der Liebeund Rosen füllen ihn aus! Ich will Blumen in die Wüste pflanzen, will hel-fen, trösten, rathen, wo ich kann, und Sie sollen mich dabei geleiten. LassenSie uns das Amt der Versöhnung üben, es ist ein Engclsamt! Wollen Sie,meine Freundin?" Die Arme blickte auf die Reiche, nicht mehr zaghaft, son-dern mit einer heiligen Ehrfurcht, gehoben von dem Feuer der hochherzigen Fraurief sie begeistert:Ich will!"