den, am Hofe Neapels für sehr Viele als ein Mittel heilsamer Umänderung, da siesich entweder darin gefielen, die Königin nachzuahmen, oder sich nicht getrauten, inihrer Nähe ein dem ihrigen entgegengesetztes Betragen zn beobachten. Eines diesernnr durch ihr Benehmen auferlegten Gesetze für alle Damen des HofeS war dieSitlsamkeit in der Kleidung, welche sich alsbald auch auf die ganze Stadt aus-dehnte, und solches war in jener Zeit gerade nicht überflüssig. In diesem Stückebegnügte sie sich nicht einmal mit dem bloßen Beispiel; wo eS möglich war, suchtesie auch mit Worten darauf hinzuwirken, und machte sanfte Vorwürfe, so daß keineDame mehr anders als in dem geziemendsten Anzüge sich ihr vorzustellen wagte.Und wagte es Eine, so trug sie sicher eine liebevolle, aber wirksame Zurechtweisungdavon, die sie gewiß nicht so bald vergaß, und von welcher dann die ganze Stadtmehrere Tage hindurch zu reden hatte. So erinnert mau sich, daß. als einmal einesehr geachtete hohe Dame in minder sittsamer Kleidung vor ihr erschienen war, diegute Königin sich einen kostbaren Schleier ablöste, und indem sie damit derenSchultern und Brust bedeckte, selbe bat, ihn als ein kleines Zeichen ihrer Zuneigunganzunehmen. ES kaun nicht wundern, daß sie, die selbst so sittsam war, sich nichteinmal als Kind von den Dienerinnen ankleiden zu lassen, auch von Anderen dieseTugend verlangte. Als sie jedoch Gattin geworden war, gestattete sie, obwohl vonjeder weiblichen Eitelkeit frei, daß man ihre Person und ihr Haupt schmückte, wiees ihrem hohen Range und Stande gebührte, einzig um ihrem Gemahle zu ge-fallen. Sie ließ aber die Sorge hicfür gänzlich den Andern über, und cS ist unter-haltend, in den Prozeßakten die Ausdrücke der Verwunderung zu lesen, deren sichdie Kleidermacherin und der Friseur noch nach mehreren Jahren bedienten, wenn siehievon als von einer bisher unerhörten Sache sprachen. Dieser Letztere bemerkt nochüberdieß, daß sie ihn nie zu seinen Verrichtungen zuließ, ohne bis oben an den Halsin den Pudermantel eingehüllt zu sein; daß sie ihre Augen nie weder zu ihm, nochzu dem Spiegel erhob, und während seiner allemal nnr kurzen Arbeit stets in einemfrommen Büchlein oder in den Bittschriften der Armen las.
Obwohl wir mit dem Hofleben selbst nicht bekannt sind, so scheint nnS dochjene dort herrschende Unihätigkeit und die daraus erfolgende Ungezähmtheit der Zungeeine der gefährlichsten Gewohnheiten daselbst zu sein. Wie heilsam mnßte daher dasBeispiel einer Königin wirken, welche nicht nur dem Müssiggange ewige Feindschaftgeschworen, sondern auch nie ein unnützes, geschweige ein unordentliches Wort überdie Zunge gebracht hatte. Sie erhob sich des Morgens sehr frühe, auch wenn siespät zur Ruhe gegangen war, und theilte ihre Zeit sehr regelmäßig zwischen Lectüre,Arbeit und Gebet. Und nicht etwa blos ein kleiner Theil war bei ihr der Arbeitgewidmet, gleichsam um zn zeigen, daß kein auch noch so hoher Stand sich >eneSckvlce lar niants erlauben sollte, welches, ich weiß nicht, ob eine Glückseligkeit, Vorzugoder eine Pein der Reichen ist, und welches dem von dem Schöpfer allen Adams-kiudcrn auferlegten Gesetze der Anstrengung so sehr widerstrebt. WaS den Werthjener Handarbeiten Christinens noch erhöhie, war der ihnen bestimmte wohlthätigeZweck; denn waren eS gröbere Nähereien oder Strümpfe, so mußten damit armeKinder gekleidet werden; waren es hingegen seine Stickereien, worin sie große Kunst-fertigkeit besaß, so wurden sie ungekannt verkauft, und deren Erlös zur Unterstützungder Armen verwendet. Wie viele unsinnige Systeme hat nicht unser JahrhundertauSgcdacht, um den Druck der Armuth zu heben, und (um mich des gewöhnlichenAusdrucks zn bedienen) die Erniedrigung des Arbeiters abzuschaffen? Und was be-wirkten am Ende alle diese Systeme anders, als den Armen die Entbehrung durchdie Ungeduld unerträglicher zu machen, und durch Versprechungen eines unmöglichenGlückes den Stolz und die gefährlichen Leidenschaftcn des Arbeiters zu erwecken?Sehen wir nun, ob die Heiligkeit nicht auf schnellere und edlere Weise dieses be-werkstelligt, ohne selbst nur den Schein davon zu haben. Sehet, da baden wir armeWaisen, welche wissen, daß die Strümpfe und das Röcklein, das sie tragen, Arbeiten