Ausgabe 
20 (4.3.1860) 10
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beschreibung zu liefern unternehmen wird. Wir beschränken uns nur darauf, zu er-wähnen, daß die allgemeine Meinung, welche sie nicht nur als sehr tugendhaft,sondern als heilig erklärte, bis zu ihrem letzten Athemzuge herrschend war. Beimhöchsten Schmerze aller Derjenigen, die um sie waren, blieb sie allein heiter, ge-faßt und vergnügt, während ihre Gedanken zwischen den lieben Zurückbleibenden unddem himmlischen Vaterlande schwebten, dem sie sich mit voller Zuversicht näherte.Von jenen erbat sie sich Verzeihung, weil sie fürchtete, nicht immer gutes Beispielgegeben zu haben; nach diesem sehnte sie sich so innig, daß sie es kaum erwartenkonnte, bis sie dahin gelangte. Unter diesen Liebessenfzern schien sie ganz auf dentraurigen Abschied zu vergessen, welcher allen Anwesenden das Her; zerriß, und dieAugen mit Thränen schwellte bei dem Anblicke einer jungen, schönen, blühenden,geliebten Gattin und bewunderten Königin, welche nun am Rande deS Grabes stand,und nur die herben Schmerzen der Mutter kostete, ohne den Trost gehabt zu haben,sich von der theuren Frucht ihres Leibes gekannt und geliebt zu sehen.

Als aber, gefolgt von der ganzen königl. Familie, daS Allerh. AltarSsacramcntin ihr Zimmer gebracht wurde, um es ihr als Wegzehrung zu dieser letzten Reisezu reichen, erhob sich die Sterbende mit solch' himmlischer Andacht, daß ihre Zügeallen Anwesenden von dem Widerscheine jenes Himmels verklärt zu sein schienen,der sich schon über ihrem Haupte öffnete, um die am Ziele der Pilgcrschaft ange-langle Seele aufzunehmen. Bevor sie jedoch diesen erhabenen Flug begann, hattesie noch eine letzte Aufgabe auf Erden zu erfüllen, nämlich ihrem einzigen viel-geliebten Kinde, welchem das Leben zu geben sie, dies engelgleiche Wesen, diesedenkwürdige Zierde und Vorbild, von der Vorsehung eigens auf den Thron Neapels erhoben zu sein schien, einen Kuß aufzudrücken.

Wer Neapel in der Woche zwischen dem Tode und der Leichenfeier MariaChristiuens, und noch mehr am Tage derselben nicht gesehen, kann sich keine Vor-stellung von einer großen, lärmenden, kaum erst wegen der Geburt eines Kronprinzenvon Festlichkeiten und Freudcnbezengungen erfüllten Stadt machen, welche auf einmalin eine so unaussprechlich tiefe Trauer versenkt war, als ob Alle und jeder Einzelneeine liebe Schwester oder eine theuere Mutter verloren hätten. Ei» fortwährendesStöhnen, von Seufzern, Thränen und Schluchzen unterbrochen, welches beinahe dielangsamen Glockenschläge und die traurigen Harnionieu der Mnsikbanden übertönte,begleitete den Sarg arn dem langen Wege, der von der Burg zur Kirche SaumChiara führt, wo sich die Grabstätten der königlichen Familie von Neapel befinden.Und wir, die wir davon Zeuge gewesen, erwarten mit fröhlicher Zuversicht jenen,vielleicht nicht fernen Tag, au welchem, nachdem die Kirche jener Tugcndhcldin dieEhren der christlichen Apotheose wird zuerkannt haben, ihre Reliquien im Triumphedurch dieselben Straßen und unter den festlichen Anrufen eines gläubigen Volkes,das schon gewohnt ist, vor ihrer Urne nicht ohne Erhörnng zu bereu, getragen seinwerden.

Die Bedrückungen der Katholiken in Polen «

(Fortsetzung.)

G Der Unheil verkündende Tag nahte heran, und man versammelte daSVolk vor dem Schlosse, das zur Wohnung für den Senator hergerichtet war. Nachbangem Harren, denn hohe Herren lassen gerne lange auf sich warten, nahte endlichein unabsehbarer Zug von Popen, Gendarmen und Polizcibeamten, und mitten un-ter diesen im höchsten Glänze und in voller mit Orden bedeckter Uniform der kaiser-liche Abgeordnete. Endlich hielt der Zug. Es herrschte eine Ruhe und Stille, alsob man kaum zu athmen wagte. Da richtete der Senator in feierlichem aber sehrherablassendem Ton folgende Worte an das brave Volk: