Ausgabe 
20 (18.3.1860) 12
Seite
94
 
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sie von dem Cardival-Vicar einer Anstalt zur Besserung verkommener Frauenzimmerüberwiesen. Bon teuflischem Hasse gegen die Religion beseelt, und durch ihr zügel-loses Leben durch und durch verdorben, beschloß sie, ihrer au Wahnsinn grenzendenWuth in einer Weise Luft zu machen, welche katholische Herzen auf'S tiefste ver-wunden mußte. Sie wußte die Wachsamkeit der andern Bewohner der Anstalt zu täuschen,und schlich sich in der Stille der Nacht in die Capellc, in welcher das hl. Sacra-ment aufbewahrt wurde, sie öffnete das Tabernakel, nahm das Ciborium heraus, schütteteden beiliqeu Inhalt desselben auf den Boden, und trat ihn mit Füßen. Das furcht-bare Sacrilegium, das schrecklichste, welches ein Katholik sich denken kann, wurde amfolgenden Morgen zum großen Entsetzen der Bewohner des Hauses entdeckt. DaSwar ein Fall, in welchem das h. Officium einschreiten mußte; nach einer sorgfältigenUntersuchung, durch welche die Schuld des Weibeö unwidersprechlich erwiesen wurde,wurde dasselbe zu einer mehrjährigen Gefängnißstrase verurthcilt.

(Fortsetzung folgt.)

Marianna vorn heil, Vincenz a Paula.

So heißt die fromme Jungfrau, die als Gründerin eines Vincentius-Frauen-Vereines eben von einem Werke der Nächstenliebe heimkehrt, und zuHause wieder in die Schule der Geduld eintritt, in welcher sie bei einer katho-likenfeindlichen Tante, Frau M.täglich geübt wird.

Marie, wer mag wohl die Häckelnadel erfunden haben, weißt du nicht?fragte Frau M.... an einem schwülen Juni-Abende, als sie eben ihre Aufmerk-samkeit zwischen ihrer Handarbeit und einem offenen Buche, das vor ihr lag,theilte. Marianne schüttelte verneinend mit dem Kopfe. Ach, du weißt auchnie etwas Nützliches; man hat gar keinen Trost an dir. Ich glaube, euereReligion besteht darin, daß ihr stillschweigt und betrübt dreinschaut: jetzt hastdu wieder seit einer Stunde kein Wort gesprochen man lebt mit dir, wiemit einer Taubstummen.

Da'..jetzt haben wir's! Ich Hache eine Masche fallenlassen und das kommtalles durch dich! rief die alte Dame aus und griff nach ihrer Brille. Ich glaube,ich kann nicht mehr sehen, um sie wieder aufzunehmen. Wo war ich? Aha,mindere einen, nimm zwei auf, stricke jetzt bin ich verwirrt und muß dieganze Stricknadel aufziehen. Nun, ihr Katholiken seid doch ohne Ausnahme dielästigsten Leute in der Welt; ihr sprecht immer, wenn... und denkt an nichts,als an eure nichtswürdigen Armen! Du bist gar nicht mehr das Mädchen, dasdu früher warst, und ich wundere mich nicht, daß der Vetter so über dich spricht, sei doch stille! Marie, ich glaube, ich bring' es wieder in Ordnung.

Marie, die au Frau M_'s mürrische Rechthaberei gewöhnt war, hatte

ein Buch zur Hand genommen und hörte dem Selbstgespräche der guten Damegelassen zu. Auf ihrer freien Stirne ruhte ein fast strenger Ausdruck von Ernst;ihre Lippen waren fest zusammengepreßt, wie dies gewöhnlich der Fall war,wenn sie einen Entschluß gefaßt hatte, oder, wie Frau M.... es bezeichnete:wenn sie einen Anfall von Eigensinn hatte. Ein tiefer Seufzer, der unwillkür-lich sich ihrem Busen entwand, erregte die Aufmerksamkeit ihrer Tante, die ebenihre Schwierigkeit überwunden und nun Zeit hatte, auch anderen Gegenständenihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Was fehlt dir, Kind? fragte sie. Woranmagst du doch wohl immer denken? Du ermüdest dich zu sehr, indem du denganzen Morgen, Gott weiß wo, herumläufst. Doetor Sommer sagte zu deinerCousine, du würdest dir noch den Tod holen, wenn du in diesem heißen Wetterdamit fortführest.