Ausgabe 
20 (18.3.1860) 12
Seite
95
 
Einzelbild herunterladen

93

Ich Lachte an Las, bemerkte Marie, was jetzt alle unsere Gedanken in An-spruch nehmen sollte, an die Cholera.

Gott stehe mir bei, meine Liebe! Dn willst Loch nicht etwa sagen, daßsie hier sei? Wie du einen erschrecken kannst! Die ganze Welt erwartete sievoriges Jahr, und man traf seine Maßregeln darnach; aber es kam keine Cho-lera. Fragen sie Sommer, was er denkt, erwiderte M. ruhig. Doch erist vielleicht zu politisch, als daß er die Patienten von sich fortscheuchen sollte.Nun, er sagte, es kämen vielleicht einige vereinzelte Fälle vor; doch rieth er inhöchst uneigennütziger Weise, die Stadt zu verlassen, sobald dieser langweiligeProceß es gestatten würde. Es scheint nämlich nicht, als ob Angela und ihrBräutigam in dieser Saison schon einen festen Entschluß fassen werden. DerGraf sagte, er würde dich gern mitnehmen, wenn ich könnte dann nachM. gehen.

Wenn was? Aber warum sprach mein Onkel nicht mit mir selbst?

Weil er glaubte, du würdest seine Bedingungen nicht annehmen; er weiß,daß du alle Fehler deiner mütterlichen Vorfahren geerbt hast.

Nicht annehmen? Sind denn seine Bedingungen so unannehmbar, daß Siefürchten, dieselben zu nennen?

Nun, meine Liebe, er verlangt sie auch nur für einstweilen. Wolltest dunur mit der Familie zu unserer (Protest.) Kirche gehen ober ruhig zu Hausebleiben, und nicht der ganzen Nachbarschaft dadurch Aergerniß geben, daß du indie Spelunke gehst, die ihr Kapelle nennt, und wo man solche abscheulicheMummereicn treibt, Laß man sich darüber wundern muß, daß ein so vernünftiges (!)Mädchen, wie dn, sich dabei des Lachens enthalten kann; wolltest du blosdieses Bekreuzen bei Tische sein lassen, wenn unser Hausgeistlicher das Tischgebetspricht, und nicht so ernst drein sehen, wenn er Polka tanzt oder etwas leicht-sinnig witzelt; und wenn du Freitags Fleisch essen wolltest, und

Kurz, wenn ich meinem Gewissen eine Zwangsjacke anlegen ließe! SagenSie doch, erwartete der Onkel dies von mir? Bei dieser Frage blitzten MariensAugen und ihre Wangen glühten vor Entrüstung.

Keineswegs erwartete er das, im Gegentheil, er hielt es für vergeblich,davon zu sprechen. Er sprach Etwas von einem großen Opfer, welches du ge-bracht hättest, und meinte, es sei Thorheit, dich nun noch zum Nachgeben bewe-gen zu wollen. Ich weiß aber doch nichts von einem Opfer, das du hättestbringen müssen. Du hast Alles, was du bedarfst, und wenn du für gut findest,deine Zeit auf so wunderbare Weise zuzubringen, so hast du das allein zuverantworten.

Es freut mich, daß der Graf mir wenigstens Gerechtigkeit widerfahren läßt,bemerkte M. bitter. Was Dr. S. betrifft, so weiß er eben so gut wie ich, daßdie Cholera schon seit einiger Zeit hier ist, und obschon ich selbst bis jetzt nochkeinen Fall gesehen habe, der tödtlich gewesensist, so weiß ich doch, Laß die Sterbe-Register sich täglich mehr füllen. Noch nicht gesehen?! Wie, Marie, willst duwirklich sagen, du habest die Cholera gesehen? fragte Frau M. blaß vor Schrecken.Aber dn besuchst doch wohl keine Leute, welche die Cholera haben? Und eucrekathol. Priester sind doch nicht so wahnwitzig, das sie sich an solche Herde derAnsteckung wagen? Was sollte denn aus unsern Armen werden? fragte Marie,indem sie kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. Die müssen in's Spitalkommen, natürlich! Da gibt es Wärterinnen, Aerzte und alles das, und siehaben es dort besser als zu Hause.

Soweit es den Leib angeht, wohl, obschon nebenbei bemerkt, die Hospi-täler bald zu klein für Alle sein werden. Aber was sollte aus ihren unsterb-lichen Seelen werden, wenn die Katholiken nicht sowahnwitzig" wären, sich zuihnen zu wagen? Davon seien Sie überzeugt, Tante, daß man keines dieser