94
armen Geschöpfe ohne geistlichen Trost wird hinsterben lassen, so lange man nochEinen Geistlichen hat, der ihnen die heil. Sacramcnte spenden kann, wußte erauch, daß augenblicklicher Tod die Folge seiner Aufopferung wäre. -— Du willstdoch nicht behaupten, daß dieß zu euerem Glauben gehört? fragte Frau M., inLein sie die Äugen aufriß. Ich dächte, euere Geistlichen kümmerten sich blos umreiche Leute, beschwätzten sie, ihr Testament zu machen, ihre .Kinder zu enterbenund ihre Tochter'in's Kloster zu schicken, und —
Fräulein S. lachte hell auf und sagte: Es ist doch erstaunlich, wie
trotz all diesen so leicht erworbenen Reichthümern unsere Kirchen so arm bleiben;noch erstaunlicher aber ist, wie alle diese enterbten Kinder solche Ungerechtigkeitensich ruhig gefallen lassen, da man nie etwas von ihnen hört. — Doch, das istsicher, sei die Gefahr auch noch so groß, die Seelen kath. Ärmen werden niemalseueren Wärterinnen, Aerzten oder Spital-Geistlichen überlassen werden, selbstwenn —
Aber, Marie, was hast du denn gegen die Spital-Geistlichen? Du erwar-test doch nicht, daß unser Pfarrer sein schätzbares Leben auf das Spiel setzenund seine Frau mit ihren sechs lieben Kindern in Gefahr bringen sollte, ange-steckt zu werden, da doch jeder Andere den Kranken einige Eapitel aus derBibel vorleien kann.?
(Fortsetzung folgt.)
Die christliche Barmherzigkeit.
1. Der Besucher des Speisckastcns.
Gras Rumford, dieser verdienstvolle Mann für so viele herrliche und nützlicheInstitute BayernS sowohl, als besonders Münchens, errichtete auch in dem von ihmgegründeten Arbeitshaus in der Vorstadt Au eine Anstalt für Arme und Noth-Icidende, welche, wen» sie nirgend eine Mitiagsuppe bekämen, dort eine nahrhaftund hinreichende Schüssel Suppe gegen Erlag eines Kreuzers genießen konnten, umwenigstens veS Tages Einmal gesättigt zu werden. Diese Anstalt wurde später indie Hauptstadt verlegt, und war um so wohlthätiger, als durch die Gastfreundlichkcitund mildthätige Spende der aufgehobenen Klöster die ärmste Elaste, die dort an denPforten täglich verpflegt wurde, diese wahrhaft christliche Mildthätigkeit entbehrenmußte. Diese Snppe bestand aus guter gerebelter Gerste, Erbsen, mit Essig undPflanzengewächscn nahrhaft nnd geschmackvoll gekocht. Das Loeal hatte, außer dergeräumigen Küche, einen Speisesaal mit Tischen und Bänken, auf welchen die rein-lichen Geschirre der Gäste harrten. An diesen Saal gränzte ein geheimes Speise-zimmer, unter dem bekannten Namen „Speisekasten", zu welchem ein eigener, jedemAuge entzogener Gang führte. In dieses konnten die Leute gehen, ohne bemerkt zuwerden, die, ihrer Armuth oder augenblicklichen Noth sich öffentlich schämend, dortim Stillen und geheim die sparsame Mittagskost einnehmen wollten. Es war beidieser wahrhaft wohlthätigen Anstalt zugleich gesorgt, daß man auf Verlangen zurSuppe auch ein Stückchen Fleisch erhalten konnte. In den „Speisekasten", wo dieHeimlichen aßeu, gelaugte die Speise mittelst einer Drehwinde, die in der Küchen-waud eingemauert war, so daß durch diese zarte Schonung Niemand erkannt wurde.Der Gast durfte nur an die Winde klopfen, in welche er Geschirr und Kreuzer legte,und schnell schwang die Winde dem Unbekannten die Speise herein.
Dieses gastliche, wohlthätige Asyl wurde täglich von einer Menge Menschenbesucht, dort ihre Labung zu finden. Aber anch viele Wohlthäter sendeten mehrmalsGeld, Fleisch, Gemüse und andere Lebensrnittel in die Gemeinküche, um die Besucherzuweilen auch au Feier- und Festtagen mit besserer Speise zu laben. — Einer der