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ausgezeichnetsten Wohlthäter war der menschenfreundliche König Maximilian. MirGrvßmnth unterstützte er gleich Anfangs diese wohlthätige Anstalt und gedachte derHungrigen mit reichlichen Sendungen. Täglich bezahlte er zweihundert Billets, welcheden Allerdürfiigsten ausgetheilt wurden. Sein gütiges Herz riß ihn sogar dahin,daß er persönlich (so wie er oft anch Krankenhäuser und Spitäler besucht hatte)nicht nur mehrmals sondern häufig auf dem heimlichen Wege in den „Speisekasten"ging, dort sich zu den Armen fitzte, einen Teller nahm, selbst zur Winde trat undsich wie jeder Andere die Suppe durch das Zeichen um einen Kreuzer geben ließ,damit er sich selbst persönlich überzeuge, ob die Küche den Armen die nahrhafte undgut bereitete Suppe reiche. Nachdem er so oft in ganz einfachem Anzug unter denArmen Platz nahm und von derselben Suppe gegessen hatte, verließ er die Speise-winde nie, ohne mehrere Kronenthaler unter den Teller zu legen, so daß man nichtselten diesen Geber an der Gabe zu erkennen glaubte.
Welcher Fürst kann je mit segenvolleren Empfindungen eine Stätte verlassen,als König Mar diesen von ihm so herzlich mild behandelten Zufluchtsort der Nothverließ? — Aber nicht genug, daß der Gütigste der Fürsten , während seiner vielenBesuche, stets wohlthätige Schenkungen hinterließ, er gedachte auch in der Residenzdesselben OrteS. An hohen Festtagen und anderen feierlichen Zeiten schickte er durcheinen Vertrauten immer eine bedeutende Summe in die Küche um mit Braten,Würsten und Fleisch die Armen zn bewirthen, und auch au solche» Tagen ging eroft hin, sich zn überzeugen, wie sein guter Wille vollzogen werde. Man zeigt nochmanchen Stuhl in Bayern , auf welchem Napoleon während seiner Schlachten demfechtenden Heere zusah; wahrlich, der Stuhl, auf welchem Mar oft hier im „Speise-kasten" nnter seinen Armen saß, verdiente wohl eben diese Erinnerung.
2. Die Ueberraschung.
Herr Daviau, Erzbischof von Bordeanr, hatte eine so große Liebe zn den Armen,daß er ihnen nicht nur Alles schenkte, was er besaß, sondern anch, um ihnen bei-zustehen, sich oft das Allernöthigste versagen mußte. Es war so weit gekommen,daß er nur noch zwei Hemden hatte. Wenn die Hc^spitalschwesteru, die es über-uommen, seine Wäsche zn besorgen, Geld von ihm verlangten, um ihm dafür Lein-wand und Strümpfe anzuschaffen, so gab es immer einen Nothleidenden, den derwohlthätige Prälat nicht warten lassen konnte. Die guten Schwestern ersannendaher eine List, indem sie ihm eines TageS vorstellten: „Ein kränklicher nnd bejahrterHerr sei durch Almosenspenden so sehr verarmt, daß er auf eine anständige Weisenicht mehr vor den Leuten erscheinen könne, weshalb sie den Herrn Erzbischof bäten,ihnen ein Almosen zu geben, um diesem verarmten Christen sechs Hemden und sechsPaar Strümpfe zn kaufen!" Der fromme Prälat beeilte sich, ihnen die nöthigeSumme einzuhändigen, und nach einigen Tagen brachten die Hospitalschwekeru ihmdie Hemden nnd Strümpfe. Als nun der mildthätige Erzbischof in sie drang, dieseSachen dem verarmten Herrn, von welchem sie ihm geredet, bald zukommen zu lassen,sprachen sie zn ihm: „Eure Gnaden wissen nicht, wem Sie in der Armuth beige-standen haben.-Sie sind es selbst!" —
Wie steht es, werther Leser, mit der Barmherzigkeit in deinem Herzen?Gottes Herz, das ganz voll ist von Barmherzigkeit und daher die Barmherzigkeitliebt, kann mit Wohlgefallen und Liebe sich nur zuwenden einem Herzen, in welchemdie Barmherzigkeit wohnt, nnd wendet sich mit Mißfallen von jedem Herzen ab, demdieselbe fehlt, und entzieht, demselben Seine Gnade. Sei also, mein Christ, reich anTheilnahme, an Mitleid, aber anch reich, nach Kräften reich an Hülfe nnd Gabe,nnd sei dann versichert, daß der Herr dich in Gnaden ansehe und dich mit Gnade»überhäufe und auch an dirBarmherzigkeit thue.