Ausgabe 
20 (18.3.1860) 12
Seite
98
 
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Der österreichische Minister Metternich über die weltliche Gewalt

des Papstes.

AlS einst in einer Unterredung L. VeuillotS (Hanptredacteur desUniverS")mit dem Fürsten Metternich das Gespräch ans die weltliche Gewalt des Papstesführte, setzte Fürst Metternich zunächst auseinander, daß der Papst als Unterthanirgend eines Staates nicht frei wäre, vielmehr stets von dein betreffenden Staatezur Erweiterung seines staatlichen Einflusses auf andere Staaten gebraucht zn wer-den, Gefahr liefe; dann fuhr er fort:

DaS habe ich einst auch zu Napoleon gesagt: als der Papst in SavonaFrankreichs Gefangener war. Napoleon schenkte mir eine gewisse Zuneigung, undwußte, daß der Papst mich mit seinem Vertrauen beehrte. Eines Tages nun ließer mich kommen, und sagte zn mir:Leisten Sie mir einen Dienst; ich bin derGefangenschaft des Papstes müde. Ans dieser Lage kann nichts Gutes hervorgehen,es ist von Werth, sie nicht länger bestehen zn lassen. Ich wünsche, daß Sie nachSavona gehen. Der Papst schenkt Ihnen sein Wohlwollen, Sie werden von meinerSeite aus als gemeinschaftlicher Freund mit ihm reden und ihn bestimmen, einenPlan anzunehmen, den ich aufgesetzt habe, um diese leidige Angelegenheit zu berei-vigen." Ich wand ihm ein, daß ich dazu der Erlaubniß meines Kaisers bedürfe.Sie verweigern mir also den Dienst?" entgegncte er.Mir scheint, daß Sie sichdurchaus nicht compromittireu würden, wenn Sie für den Frieden der Welt Diensteleisten." Daran eben, fuhr ich fort, zweifle ich, ob eS der Frieden ist, den Ew.Majestät dem Papste vorschlagen. Wollen Sie mir diesen Plan wissen lassen?Hier ist er", versetzte Napoleon ganz ruhig,iu Zukunft wird der Sitz der Kirchenicht mehr zu Rom, sondern in Paris sein. . ..."

Ja", fuhr der furchtbare Mann fort,ich lasse den Papst nach Paris kommen, und errichte dort den Sitz der Kirche. Aber ich will, daß der Papst unab-hängig sei. Ich gründe ihm bei der Hauptstadt eine angemessene Ansiedlung; ichschenke ihm ein Schloß, und daß er auf eigenem Boden wohne, mache ich aus einer

Strecke Laubes von etlichen Stunden ein neutrales Gebiet. Er wird dort sein Car-

dinalScollegium, sein diplomatisches CorpS, seine Kongregationen, seinen Hof haben;und damit ihm nichts fehle, füge ich eine jährliche Dotation von sechs Millionenzu. Glauben Sie, daß er daS auSschlägt?"

Ich behaupte das, und ganz Europa wird ihn in seiner Weigerung unter-

stützen. Der Papst wird nicht ohne Grund finde», daß er auch bei Ihren 6 Millio-

neu so gut Gefangener wäre als in Savona.

Napoleos fuhr iu seiner Art auf, und brachte tausend Gründe für seine Planevor. Endlich sagte ich zu ihm: Ew. Majestät entreißen mir ein Geheimniß. Auchder Kaiser von Oesterreich hat denselben Gedanken gehabt wie Sie. Er sieht, daßSie den Papst nicht nach Rom entlassen wollen, er will nicht, daß der Papst iuGefangenschaft bleibt, und denkt ebenfalls daran, ihm eine Existenz zu schaffen. Ew.Majestät kennen das Schloß zu Schönbronu: der Kaiser schenkt es dem Papst miteinem Gebiet von 1015 Stunden, das ganz neutral sein wird; er fügt eine Do-tation von 12 Mill. Einkünfte bei. Wenn der Papst auf dieses Arrangement ein-geht, werden Sie ebenfalls einwilligen.

Er begriff vollständig, was ich damit vertheidigen wollte; aber er war derStärkere und wollte die Ansicht PinS Vil. über seinen Plan erfahren. Der Papstgab zur Antwort, waS ich so leicht vorausgesehen hatte: daß ihm Savona ein sogutes Gefängniß scheine als PariS ; daß er sich wie anderswo im Mittelpuncte derKirche befinde; daß sein Gewissen sein freier Boden sei, daß 6 Mill. Einkünfte fürseine Bedürfnisse nicht nothwendig seien, und daß er mit 20 SouS täglich auskomme,die er gern als Almosen der Christenheit erhalten würde.

Stcdaciiou un« Verlag: Dr. M. Hutkler, Druck »an 3. M. Steinte.