Hl-. S4
lSbMgkl
10. Juni 1860.
Das AugSburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Angsburger Post-Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährigeAbonnementspreis ist 20 kr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhand-lungen bezogen werden kann.
Die „Armonia" erhält von dorther folgende Correspondenz: Seit einigenMonaten machen die Protestanten außerordentliche Anstrengungen, tun ihrenGlaubensgenossen, wenn anders noch möglich, ein wenig religiöses Leben einzu-hauchen, welches, wie jeder Beobachter sehen muß, völligem Erlöschen nahe ist,und die Anstrengungen selbst sind ein klarer Beweis, daß die unglücklichen SchülerLuthers und Calvins bereits merken, daß ihnen dies Leben ausgeht. Nach denim Jahre 1855 angestellten Berechnungen gibt es in England über 5,500,000Menschen, welche nie einen Fuß in ein dem Gottesdienste gewidmetes Local setzen,und der größte Theil der klebrigen gibt nur selten zu erkennen, daß er eine Re-ligion übe; darum entzündete sich der Eifer vieler der entschiedensten Prote-stanten, und sie beschlossen, alle möglichen Mittel zu versuchen, um die erlöschendenLebensgeister wieder aufzuwecken. Es war damals, daß Lord Shaftesbury vomParlamente die Befugniß erhielt, daß Jedermann innerhalb seines EigenthumsStätten des öffentlichen Cultus eröffnen dürfe, ohne bei der Regierung umweitere Erlaubniß sich bewerben zu müssen; und man legte nun Hand an's Werkneue Kirchen und Capellen zu erbauen, Gelder in großer Menge einzusammeln,um zu diesem Werke an ärmeren Orten behilflich zu sein, ferner in den Dom-und anderen Hauptkirchen specielle Funktionen einzuführen, welche gewöhnlich imAbsingen einiger Psalmen mit zahlreicher musikalischer Begleitung und in einerPredigt bestehen, welche letztere von gewählten Rednern im Turnus gehaltenwird. Nichtsdestoweniger aber blieb die Masse des Volkes wie früher ohne reli-giöses Leben; denn was sind denn in London z. B. 15,000 Personen, welchebei diesen Extra-Gottesdiensten sich einfinden, wovon auch der größte Theil beiden gewöhnlichen erscheint, im Vergleich mit beinahe 2 Millionen, welche an Sonn-und Festtagen nicht den mindesten Religionsact ausüben? Rücksichtlich der Kirchenbemerkten die protestantischen Blätter wiederholt, daß nicht das mindeste Bedürfnißvorhanden sei, deren neue zu bauen, indem die bereits bestehenden immer leerseien. Da es sich also zeigte, daß diese Weckmittel nicht hinlänglich sich erwiesen,sann man auf ein anderes, nämlich die Theater zu Stätten der Predigt unddes religiösen Unterrichtes zu verwenden; ein Mittel, darauf wirklich nur Prote-stanten verfallen konnten; denn man wird nie gehört haben, daß die Heiden,Mohamedaner, Juden je das Theater zu gottesdienstlichen Handlungen benutzthätten. Wer Montags die in der Hauptstadt erscheinenden Blätter in die Handnimmt, kann, wenn er will, zu seiner Erbauung die Rechenschaftsberichte überdie religiösen Funktionen lesen, welche in den vornehmsten Theatern stattgefundenhatten. Da wird der Anzug und Putz der Damen beschrieben, die natürlich durchihr Erscheinen keinen Unterschied zwischen dieser und einer andern Unterhaltungmachen; ferner die scenische Verzierung der Kanzel, von welcher der herausge-putzte Prediger, ganz Feuer für die Angelegenheiten der Seele, seine Beredsam-keit glänzen ließ, während die Zuschauer, zum Beweise der tiefen Gefühle der