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täglich mahnende Beweise erhalten, wie sehr sie darin irren. Die Tumulte, welcheseit langer Zeit die Funetionen in der protestantischen Kirche des h. Georg imWestende Londons wegen der dort vom Pastor eingeführten puseytischen Neu-erungen stören, Tumulte welche letzthin so arg wurden (man zerschlug die Altar-zierden und zerriß die gottesdienstlichen Gewänder), daß sie den Unwillen allerParteien erregten, weil dadurch die Meinungsfreiheit und der öffentliche Anstandstraflos gehöhnt wurden, zeigen offenbar, daß die Masse der Protestanten wedervon Dogmen noch von religiösen Ceremonien etwas wissen, sondern ihr Heiden-thum, mit ein wenig christlichem Firniß übertüncht, sich bewahren will; ganz charak-teristisch für den Protestantismus überhaupt!
Die katholische Kirche aber gewinnt fortwährend an Terrain. Neue Kirchen,neue Schulen, neue Convente und Klöster entstehen allerwärts. Die Klosterfraueninsbesondere vermehren sich, und breiten sich auf wunderbare Weise aus, undüberall will man sie als Lehrerinnen in den Schulen. Der Ausnahmszustand,in dem sich hier die kath. Kirche befindet, bewirkt, daß dies Alles geschieht, derKatholicismus sich befestigt und im steten Fortschreiten begriffen ist. Wer auskatholischen Gegenden hieher kömmt, die kathol. Kirchen und Institute zu besuchen,glaubt in seinem Daterlande und nicht in einem protestantischen Lande sich zubefinden.
So weit genannte Correspondenz. Da wir von den Bemühungen eifrigerProtestanten zur religiösen Wiederbelebung ihrer Landsleute in England gehört,so wollen wir auch einen Bericht der „N. preuß. Zeitung" anfügen, der unsvon originellen Besserungsversuchen erzählt, welche mehrere anglikanische Geist-liche und Laien zur Gewinnung lasterhafter Personen für ein christliches Lebenanstellten.
„London , 17. Februar. Eine Anzahl protestantischer Geistlicher der „evan-gelischen" oder l.o^v-Giuec-li (niederkirchlichen Richtung), so lautet der Bericht,„die mit Liebe und Aufopferung dem Reiche Gottes dienen und seit Jahrenüberall eines ehrenvollen Rufes genießen" — Männer wie Mr. Brock, Mr.Maxwell, Mr. Baptist Noel (der Sohn des Carl of Gerrisborough) und Anderehatten sich zu einem sehr eigentühmlichen Vorhaben vereinigt. Seit längererZeit galt ein Theil ihrer Wirksamkeit der Wiedergewinnung verlorener Dirnen.Betrübt über die geringen Erfolge ihrer Bemühungen und in der Unmöglichkeit,dem Gegenstand ihrer Sorge anders als auf offener Straße und nach Mitter-nacht beizukommen, beschlossen sie, ein bisher unerprobtes Mittel zu versuchen.Acht Tage lang verbrachten sie die zweite Hälfte der Nacht auf den Straßen.Wo sie eine Person der betreffenden Classe sahen, schlichen sie leise heran, drücktenihr ein elegantes Billet in die Hand, und entflohen, um allen Weiterungen zuentgehen. So vertheilten sie mehr als tausend gedruckte Briefe folgenden Inhalts:„Einige Freunde erlauben sich die Bitte um das Vergnügen Ihrer Gesellschaftin der Restauration von St. James, Regent Street, für Mittwoch den 8. um12 Uhr Nachts auszusprechen." — Diese Nacht kam, und mit ihr an 250 dergeladenen Dirnen! Männliche Begleitung wurde nicht mit eingelassen, was Ver-dacht erregte und Viele noch an der Thür vom Eintritt zurückhielt. Drinnenfanden sie einen wohlbesetzten Theetisch, und daran den genannten Geistlichen,den reichen Banquier Latouche, Mr. Maxwell, den Sohn Lord Farnham's undeine kleine Gesellschaft von andern Menschenfreunden aus den höchsten Ständender Gesellschaft; zusammen an zwanzig Gentlemen. Die Dirnen setzten sich, mitall dem elenden Flitter ausstaffirt, der den sittlichen Abgrund ihres Daseins über-deckt, lustig an den Tisch. Sie griffen zu und benahmen sich, wie sie dem mysteriö-sen Briefchen zufolge sich berechtigt glaubten. Um 1 Uhr endlich, als der Theevorüber war, und die Gesellschaft vollzählig schien, und als den Tafelnden wohlschon beträchliche Zweifel an dem Zwecke der Reunion aufgestiegen waren, trat