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Peregrina sagte ernsten, doch liebesanften Tones: „Am Tage vor deiner Geburt,mein Sohn Andreas, hatte ich einen seltenen, fürchterlichen, nachher aber in garwundersamer Tröstung sich ändernden Traum. Mir war, als hätte ich einenWolf geboren. Entsetzt und halb ohnmächtig siel ich zu Boden, flehte zu Gottum Erbarmen in dieser gräßlichen Noth, und siehe, Gott erhörte mein Gebet,denn der Wolf verwandelte sich in ein anmuthiges Lamm, das da in die Kirchelief, und — ich erwachte. O, mein Sohn! der erste Theil meines Traumes,der so fürchterliche, ist leider bereits erfüllt. Durch dein sündhaftes Leben bistdu seither der entsetzliche Wolf gewesen. Wann, ach wann wird sich der zweiteTheil meines Traumes, der so tröstliche, erfüllen, daß du ein Lamm in derKirche Gottes werdest? Wann, ach wann schlägt diese glückselige Stunde? Ach,sie schlägt vielleicht — nie. O ich ärmste Mutter, hätte ich dich doch nimmer geboren I
Andreas, den in diesen rührenden Worten die Gnade Gottes sichtbar undmächtig ergriff, sank weinend zu seiner Mutter Füßen nieder, bat sie reumüthigund demüthig um Verzeihung und rief aus der Tiefe seines Herzens das feier-liche Gelübde ihr entgegen: „O meine gute Mutter, vergib mir! Ja ich willvon nun an ein Lamm in der Kirche Gottes werden und es auch bleiben bisan mein Lebesende. Dazu verhelfe mir die Fürbitte der heil. schmerzhaftenMutter Gottes und die Barmherzigkeit ihres gebenedeiten Sohnes, meines gekreu-zigten Heilandes."
Am anderen Tage ging Andreas mit seiner Mutter in die Karmeliterkirche,legte dort einem greisen Priester seine Beicht ab, und Mutter und Sohn em-pfingen beim Altare der schmerzhaften Mutter Gottes die hl. Communivn. Nochlauge knieete dort der Jüngling, sein seitheriges leichtsinniges Leben mit heißenBußethränen beweinend. Er opferte sich nun Gott unter dem Schutze der gnadcn-vollen Jungfrau gänzlich auf und anstatt in die Welt zurückzukehren, nahm erdas Ordenskleid. In der Abgeschiedenheit des Klosters bändigte er mit wun-derbar heldenmüthiger Kraft alle Versuchungen des bösen Feindes, er kreuzigtesein Fleisch und dessen Begierden durch schmerzliche Geißelung, Fasten, Still-schweigen, Gebet und Betrachtung unter dem K euze seines Erlösers, und na-mentlich durch Uebung solcher Tugenden, die von seinem früheren Lasterleben dasGegentheil bildeten. Nach abgelegtem Ordenseid und Gelübden wurde er Priester,studirte noch drei Jahre in Paris, kehrte dann in sein Kloster zu Florenz zurück,wo man ihn wegen seiner ausgezeichneten Wissenschaft und Frömmigkeit zumPrior einsetzte. Durch sein frommes Beispiel und seine salbungsreichen Predigten,die Tausende und Tausende verstockter Sünder zur Buße riefen, nannte man ihngeradezu den Apostel des Landes und wählte ihn später, als der Bischofssitz zuFiesolie erledigt war, einstimmig zum Bischöfe. Als Bischof vermehrte er seineWachsamkeit und sein Gebet und übte die christlichen Tugenden um so ange-strengter, als er einsah, wie heilig er in einer so hohen Stellung leben müsse.Sein Lager waren Reiser von Weinreben, seine Nahrung war strenges Fastenund Darben, seine Erholung Armenpflege. Um seinem Heilande soviel wiemöglich in Allein ähnlich zu werden, pflegte er an jedem Donnerstage den Armendie Füße zu waschen und sich auf diese Art zu demüthigen. Einmal wollte einArmer die Füße nicht darreichen, weil sie voll Geschwüre waren. Der Bischofwusch sie dennoch, und der Kranke war davon befreit; denn Gott hatte demgroßen Büßer auch die Gabe der Wunder verliehen, und nach allen Richtungenhin glich sein Leben einem frischen Baume, der die besten Früchte trug.
In der Christnacht 1372 überfiel ihn während der heiligen Messe einegroße Schwäche, die in ein qualvolles Fieber überging. Er bereitete sich durchEmpfang der heiligen Wegzehrung auf die Ankunft des Herrn vor und starbam 6. Jänner 1373, nachdem er auf dem Krankenlager noch oft ausgerufenhatte: „O meine gute Mutter im Himmel, wäre ich doch eine Lamm geworden!