Ausgabe 
20 (10.6.1860) 24
Seite
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Ach, mein süßer Jesus, wäre ich doch ein Lamm in deiner hl. Kirche geworden!"Er starb in einem Alter von 70 Jahren gottselig im Herrn.

Siehe da, mein lieber Leser, einen zweiten Augustin, der durch das Gebetund die Thränen seiner Mutter von den Irrwegen der Sünde auf den Pfadder Tugend und Heiligkeit geleitet wurde. O möchten alle Mütter so zärtlichfür daS Seelenheil ihrer Kinder sorgen, wie gut wäre es! Sie sorgen zwar:aber statt des Kleides der Unschuld geben sie ihnen das Kleid der Eitelkeit, stattsie für Gott christlich und fromm zu erziehen, erziehen sie sie für die Eitelkeit.Mit Recht konnte ein weiser Mann rufen:Gebt mir gute Mütter und ich bekehredie Welt." Mütter, das beherziget! Seht, soviel hängt von der Erziehung ab,die ihr euern Kindern gebet. _

Gottlob, baß der Korb fertig ist!

Aber, lieber Doctor, wo sind Sie so lange gesteckt? Die ganze Gesell-schaft hat Sie wohl eine Stunde lang erwartet. Machen Sie nur nicht Miene,sich entschuldigen zu wollen. Wir wissen ja doch, was Sie sagen wollen. Siehaben Kranke besuchen müssen, nicht wahr? O ja, ein Doctor kann sich leichtentschuldigen."

Gewiß! Hat's meine Frau nicht erzählt? Ich genoß so eben das Ver-gnügen, sie hierher zu begleiten, als ich mitten auf dem Wege angehalten wurde.Eine beliebige Alte war sicher mir zum Trotze krank geworden, und so mußte ichmeine junge Anna allein pilgern lassen und mich zur alten Susanna begeben."

Und da blieben Sie so lange?"

Daß ich ein Narr gewesen wäre! Ich schrieb ihr ein Recept aufO weh'mir, wie wird mir!" und entfloh ihr, als sie eben daran war, mit unergründ-lichem Scharfsinn mir eine ellenlange Rede halten zu wollen. Daraus"-

Eilten Sie gewiß nicht hierher! Wo sind Sie gewesen?"

Ich stürmte vorwärts, wie ein Schnellläuser, holte in jener Straße kaumeinmal Athem und segelte so rasch an den Leuten vorbei, daß ich mit dem ein-maligen Hutabnehmen an zwölf Grüße zugleich beantworten konnte, und doch"-

Nun, was kam dazwischen?"

Ein Korbmacher und seine Frau. Aber meine Herrschaften rechts undlinks, laßt mich erst zur Ruhe kommen! So, da steht mein Stock, hier meinHut, dort der Sessel ist mein; gut, ich bin da und sitze. Darf ich bitten umeine Tasse Thee? Ach, schön; ich danke einmal, zweimal und dreimal."

Aber der Korbmacher und seine Frau?"

O es ist etwas ganz Unbedeutendes. Ich kam vor seinem Hause vorbeiund hörte in demselben ein Fluchen und Schalten, ein Kreischen uud Heulen,ein Schlagen und Prügeln, daß ich Alles vergaß und in die Thüre trat, umOrdnung zu stiften. Es war richtig, wie ich mir dachte, der Mann prügelteseine Frau; sie hatte aber auch das Ihrige geleistet, denn seine Nase blutetenicht wenig. Als ich erschien, fuhren sie auseinander und bedrängten mich nunso mit gegenseitigen Erklärungen und gegenseitigen Verwünschungen, daß ich fastblind und taub wurde. Ich hatte Arbeit, beide zum Schweigen zu bringen, unddann erst eine Partei und daraus die andere ihre Sache vorbringen zu lassen.Der Meister hatte, so erzählte er, die ganze Woche auf einen Korb gearbeitet,erst heute, am Sonnabend Abend, war sein Werk vollendet. Er betrachtete es,belobte es, weil es gut gelungen war und in aller Freude rief er aus: Gottlob,daß der Korb fertig ist. Seine Frau hatte im Zimmer gesessen und auf seineGemüthsbewegungen keine Rücksicht genommen. Und weil ihr trockenes, kaltesGesicht ihn ärgerte, rief er ihr zu: So freue dich nun auch einmal! Sag aucheinmal: Gottlob, daß der Korb fertig ist!