Ausgabe 
20 (17.6.1860) 25
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deutschen Glücksritter aberwitzige Grundsätze, die aus sittenlosen Romanen undverkehrten Herzen hervorgingen, mit frivoler Arroganz und Inkonsequenz äußerten,und sie verargten es uns deshalb nicht, wenn wir so zügellose Zungen auf ge-ziemende Weise züchtigten. Aber das alles ist noch fern von selbstthätiger Aus-übung religiöser Pflichten. Freilich, wie könnte es auch anders sein bei der sosehr verbreiteten schlechten Lectüre, daß selbst auf dem Schiffe von Reisendenerster und zweiter Classe Romane neuerer, gewiß nicht empsehlenswerther Ver-fasser mit Heißhunger verschlungen wurden? Wenn man überdies die Unwissen-heit in religiösen Dingen nebst den darauf bezüglichen Vorurtheilen bedenktund bei der Schiffsmannschaft die oft eintretende Unmöglichkeit, die Hilfsmittelder Religion zu benutzen, wodurch allmälig Gleichgiltigkeit und Mißachtung ent-steht, dann erklärt es sich leicht, warum aus das Zeichen zur heiligen Messe nurwenige Passagiere erschienen. Sonst war das sittliche Verhalten unserer Ge-sellschaft im Ganzen tadellos. Es herrschte viel Heiterkeit auf dem Schiffe.Wir hielten uns natürlich fern, wenn die Änderen aus dem Verdecke bis in dietiefste Nacht dcelamirten, lärmten und einförmige Melodien sangen. Doch Nie-mand wagte es, uns auch nur im Geringsten bei Ausübung unserer priesterlichenPflichten hinderlich zu sein, noch darüber eine kränkende Bemerkung zu äußern.So war also das Eine Nothwendige in Sicherheit; wir konnten ein unseremStaude entsprechendes Leben führen, wenn wir wollten. Und gerade das warunser Trost, der uns die wenigen Beschwerden, die mit einer so laugen Reiseverbunden sind, beinahe süß, ja selbst wünschenswert!) machte.

Die Einförmigkeit des Schiffslebens, möchte man vermuthen, stimme zurSchwermut!) und Langweile; doch gewiß nicht einen Priester und Ordensmann,der im apostolischen Amte zum Heile der Seelen die Fahrt unternimmt. Aberauch vom bloß natürlichen Standpuncte aus betrachtet, bietet sie viel Angenehmesdar. Viele Beobachtungen, deren Kenntniß man nur aus Büchern schöpft, kannman hier in Wirklichkeit mit eigenen Augen machen. Sie werden das mehr imEinzelnen sehen, wenn ich Ihnen Einiges aus meinem Tagebuche mittheile.

Wir fuhren der normannischen Küste entlang und kamen an den gleich-namigen Inseln vorbei, ganz nahe der kleinen Insel d'Aurigny, wo die Eng-länder sich festgesetzt und in den benachbarten Kriegshafen Cherbourg hinüber-lauern. Dann bog das Schiff um das Cap Finisterre längs der französischen und spanischen Küste. In dieser s. g. Gaseogne herrschte damals eine grimmigeKälte, die bis zum 40. Grad nördlicher Breite anhielt. Die milde Luft, diemich wie verjüngte, empfanden wir zuerst an der portugiesischen Küste und siewährte, bis wir die eanarischen Inseln hinter uns hatten. Dann ging es indie heiße Zone. Auf dem 16. Grad nördlicher Breite fielen die Sonnenstrahlensenkrecht nieder und wir sahen das uns ungewohnte Phänomen, wie um dieMittagszeit die Körper keine Schatten warfen. Aber die Hitze war bald drückendund der Schweiß floß fortwährend von der Stirn, bei Nacht noch mehr als beiTage. Wie willkommen war mir nun die leichte Kleidung, die ich Ihrer liebe-vollen Fürsorge verdanke! Bald näherten wir uns der Linie. Doch vom 7. bis2. Grad nördlicher Breite war noch eine für die Seefahrer sehr fatale Streckezu durchschiffen, die auf den Karten mit schwarzen Farben gezeichnet ist. Mannennt sie puteau noir, weil man glaubt, es gehe durch eine ganz finstere Straße.Während nämlich innerhalb der Wendekreise der schönste Sternenhimmel dasAuge entzückt und der Seefahrer ganz sorgenlos dahin steuert, so hängt an be-zeichneter Stelle der Himmel düster und drohend hernieder. Der helle Sternen-glanz verschwindet, dichte Wolken ziehen nur in geringer Höhe hin, und wasdas Peinlichste ist, häufig tritt gänzliche Windstille ein, so daß man mehrereWochen liegen bleiben muß. Doch der liebe Gott war uns gnädig. Wir pas-sirten diese gesürchtete Stelle in zwei Tagen: der heilige Franz von Hieronymo,