Ausgabe 
20 (24.6.1860) 26
Seite
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Das Augsburger Sonnlaasblatt -(Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post-Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährigeAbonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhand-lungen bezogen werden kann.

Vorn Aberglauben.

Die Tugend liegt in der Mitte, nämlich mitten zwischen zwei Lastern. Soz. B. ist der Geiz auf der einen, die Verschwendung auf der anderen Seite einLaster, mitten zwischen beiden aber steht die Sparsamkeit als christliche Tugend.Die Mittelstraße ist also die beste und sicherste, das ist der Weg der Tugend,der zum Himmel führt. Aber leider! diese Mittelstraße finden und gehen diewenigsten Menschen, und wenn sie auch eine Zeitlang auf derselben wandeln,so kommen sie doch oft und leicht wieder davon ab; sie lassen sich bald rechtsund bald links auf die Seite ziehen, und gerathen so auf die verschiedenen Ab-wege des Irrthums und der Sünde. Jene sind die Glücklichsten, die den Mittel-weg einschlagen, und weder rechts noch links von der Wahrheit und Tugend ab-weichen. Dieses gilt vor allem Anderen von der Pflicht des Glaubens. Werzu wenig oder gar Nichts glaubt, ist ein Ungläubiger, wer aber zu viel odergar Alles glaubt, ist ein Abergläubiger, und beide stehen fern vorn wahren undrechten Glauben, der nur an das glaubt, von dessen Wahrheit er hinlänglicheBeweise hat. Beide, der Unglaube wie der Aberglaube, sind gleich thöricht, ver-nunftwidrig und sündhaft. Etwas läugnen, für dessen Wahrheit doch die stärkstenund klarsten Beweise sprechen, ist eben so unvernünftig, als etwas glauben ohnegenügenden und vernünftigen Grund. Und doch sind diese beiden Extreme undentgegengesetzten Abweichungen vorn goldenen Mittelwege des wahren Glaubensauch heutzutage noch häufig zu finden. Es herrscht in unserer Zeit nicht blosviel Unglauben, sondern auch noch viel Aberglaube in allen Ständen. Von demletzteren soll nun hier die Rede sein.

Das Wort Aberglaube bezeichnet einen thörichten, widersinnigen, grundlosenGlauben, welcher der Vernunft und der göttlichen Offenbarung widerstreitet.Der Aberglaube besteht darin, daß man gewissen (natürlichen oder auch heiligen)Dingen und Handlungen eine geheime Kraft und Wirkung zuschreibt, die sieweder von Natur aus, noch von Gott, noch durch die Segnungen der Kirchehaben können. Man unterscheidet drei Arten des Aberglaubens: den natürlichen,den dämonischen und den religiösen, je nachdem sich derselbe entweder ausdas Verhältniß der Geschöpfe zu einander, oder auf den Einfluß der bösen Gei-ster, oder auf gottesdienstliche Handlungen, Gebete rc. bezieht.

Leider ist auch in unseremaufgeklärten" Jahrhunderte der Aberglaubeunter allerlei Formen sowohl auf dem Lande, als auch in den Städten, beiden höheren wie bei den niederen Ständen, noch häufig anzutreffen. Man kanndenselben am häufigsten wahrnehmen in der Form der Wahrsagerei, welchedarin besteht, daß man aus eitlen Zeichen, aus zufälligen Ereignissen, oder ein-zelnen Sachen, die weder an sich noch durch göttliche Anordnung hierzu geeignetsind, die Zukunft erspähen und vorhersagen, die Schicksale der Menschen entziffernund verborgene Dinge erforschen will. So z. B. gibt es Christen, die da glauben,Wenn zur Nachtszeit ein Hund heulet, so werde gewiß bald Jemand in der Nach-