Ausgabe 
20 (24.6.1860) 26
Seite
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geist hatte, d. h. von einem bösen Geiste besessen war und manches Zukünftigevorhersagte, und dadurch ihrer Herrschaft großen Gewinn verschaffte, die aberLiese ihre Kunst alsbald verlernt, nachdem Paulus den bösen Geist beschworenund ausgetrieben hatte. (Apostelg. 16.)

Eine von der Wahrsagerei dem Zwecke (d. i. Erforschung zukünftiger undverborgener Dinge) nach verschiedene Form des Aberglaubens ist der Gebraucheitler und nur durch Beihilfe der bösen Geister wirksamer Mittel, um gewisse,nicht in der Natur der Sache, nicht in göttlicher Anordnung und kirchlicherWeihe gegründete Wirkungen, z. B. Heilungen von Krankheiten an Menschenund Thieren hervorzubringen. Wenn es auch in der That sogenannte sympa-thetische Heilmittel für verschiedene Krankheiten gibt, deren Heilkraft nichteinzusehen, deren Wirkung aber durch die Erfahrung und das Zeugniß verstän-diger Aerzte außer Zweifel gesetzt ist, und wenn auch dieser Mangel an Einsichtnichts Bedenkliches dagegen haben kann, weil die Natur überhaupt noch vielfachfür den Menschen ein verschlossenes Buch ist, und weil wir an tausend täglichenErscheinungen der Natur wohl die Ursache und Wirkung, aber nicht den Zu-sammenhang beider, d. h. wie denn diese Ursache eine solche Wirkung hervor-bringen könne, einsehen: so ist es doch gewiß ein thörichter und sündhafter Aberglaube,wenn man z. B. unbekannte Namen, sinnlose und geheimnißvolle Worte aufeinen Zettel schreibt, dieselben immer bei sich trägt und anhängt, und dabeiglaubt, diese eitlen Zeichen und Zettel können vor Krankheiten bewahren oderdieselben heilen, vor Verzauberung schützen, oder bewirken, daß gestohlene Sachenwieder zurückgebracht werden, oder daß man von keiner feindlichen Kugel getroffen,von keines Meuchlers Dolch durchstochen werde u. s. w.

Eine häufig anzutreffende Form des Aberglaubens besteht endlich noch darin,daß man an sich gute und heilige Mittel gebrauchet, aber zu einem nnheiligenZwecke, indem man nämlich diesen heiligen Mitteln, z. B. dem Gebete und ver-schiedenen Andachtsübungen, eine ausserordentliche Wirkung und eine gewisse un-fehlbare Kraft zuschreibt, welche sie durchaus nicht haben, wodurch dann ebender sonst gute Gebrauch jener Mittel abergläubisch wird. Wir haben nämlichin der katholischen Kirche Heilige, die wir verehren und anrufen, Bilder undReliquien der Heiligen, die wir in Ehren halten, Zeichen gewisser Bruderschaftenund Andachten. Die Kirche selbst weiht diese und noch andere Dinge z. B. Brod,Wasser, Wein, Salz, Fleisch rc., und sie billiget den Gebrauch dieser geweihtenDinge nicht nur, sondern sie hat dabei die Absicht, die sie auch bei der Weihedieser Dinge ausspricht und um was sie auch zu Gott bittet, daß er nämlich dieseDinge durch die Verdienste Jesu Christi zum zeitlichen nnd ewigen Wohle Der-jenigen gereichen lassen wolle, welche sie mit kindlichem Vertrauen auf Gott undin Vereinigung ihrer Andachten mit dem Gebete der Kirche gebrauchen. AlleinAberglaube ist es, wenn man dergleichen geweihte Dinge bei sich trägt und ge-brauchet zu einem ganz anderen Zwecke, als den die Kirche bet der Weihe der-selben intendirt, oder wenn man von ihnen eine gewisse Wirkung erwartet, diesie weder an sich noch durch die Segnungen der Kirche haben können. Aber-glaube ist's, wenn man meint und sagt: wer beständig den Rosenkranz, einScapulier oder ein anderes geweihtes Ding bei sich trägt, der werde nicht einesjähen Todes sterben, nicht in's Fegseuer kommen, oder iiü Handeln glücklich sein,von keinem Räuber angefallen werden rc. Bei solchem Aberglauben, wie sehrwird das Seelenheil vernachlässigt! Man betrachtet oft diese geweihten Sachenals Freiheitsbriefe für die Sünden, da sie doch vielmehr Erinnerung»- und Er-munterungszeichen zur Pflichterfüllung sind. Was soll wohl der Rosenkranz inder Tasche, in welcher sich etwa auch ungerechtes Gut befindet? Ist die Erwar-tung, die man von der Kraft solcher heiligen Dinge sich macht, nicht Aber-glaube ?