Ausgabe 
20 (24.6.1860) 26
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Noch immer kann man in Städten und auf dem Lande von gewinnsüchti-gen Krämern verbreitete, recht kräftige und fromm scheinende Gebete und Büchleinfinden, denen nebst der Verheißung von verschiedenen Ablässen auch die Ver-sicherung beigedruckt ist, daß, wer dieses Gebet in seinem Hause hat, oder selbesLei sich trägt, oder aber täglich mit Andacht hersagt, dem werde kein Unglückwiderfahren weder zu Wasser, noch zu Land, dem hat die Mutter Gottes ver-sprochen, sie wolle ihm auf dem Sterbebette erscheinen und ihn ohne Beicht nichtsterben lassen rc. rc. Und noch immer gibt es Christen, welche diesen eitlenVerheißungen und Betrügereien allen Glauben schenken und mit allem Fleißedanach thun. Um das leichtgläubige Volk desto mehr zu täuschen, ist solchenabergläubischen Gebeten auch zuweilen der Name eines Papstes oderBischofes beigesetzt, der diese Andacht, dieses Gebet angeordnet, gutgeheißen, odermit Ablässen von so und so viel Tagen und Jahren beschenkt haben soll rc.

Aber woher denn noch so viel Aberglauben in unserem aufgeklärten Zeit-alter, wo doch so viel gelehrt, gepredigt, gedruckt und geschrieben und gearbeitetwird an der intellectuellen und moralischen Bildung des Volkes? oder mit an-deren Worten, welche sind denn die Quellen des noch so häufigen Aberglau-bens ?

Die verschiedenen Arten und Formen des Aberglaubens kommen auch ausverschiedenen Quellen. Eine Hauptquelle des besonders in den Städten herr-schenden Aberglaubens ist der Unglaube. Der Mensch ist einmal so beschaffen,daß er ohne Glauben nicht leben kann. Glaubt er nicht der ewigen Wahrheit,so fällt er dem Aberglauben anheim. Alle Kenntniß und Wissenschaft des Men-schen beruht, streng genommen, auf Glauben. Auch das Wissen, zu welchemder Mensch durch die sinnlichen Anschauungen und Wahrnehmungen, durch Ge-sicht, Gehör rc. gelangt, ist ein Fürwahrhalten oder Glauben auf das Zeugnißder Sinne, die freilich oft genug täuschen. Daß die Kenntniß des Ueberstnnlmchen aus Glauben beruhe, ist ohnehin klar, nur kommt es hierbei darauf an,daß der Glaube vernünftig sei, d. i. auf vernunftgemäße Gründe sich stütze, derVernunft nicht widerspreche. Es ist ein ungerechter Vorwurs, den man garoft der katholischen Kirche macht, daß sie nur blinden Glauben verlange und dieVernunft gar nichts gelten lasse. Wie wäre dies möglich, da ja der Menschohne Vernunft gar nicht glauben könnte, weil ihm das geistige Auge zur Auf-fassung des Lichtes der göttlichen Wahrheit fehlen würde? Indessen lehrt esdie Erfahrung, daß gerade Diejenigen, die sich eines starken Geistes, einer auf-geklärten Vernunft rühmen, am meisten unvernünftig sind in ihrem Glaubenund Handeln. Glauben, was Gott geoffenbaret, was Jesus Christus gelehrethat und was die heilige katholische Kirche , geleitet vom heiligen Geiste, lehret undzu glauben vorstellt, was so sichere Wahrheit ist, daß kein vernünftiger Zweifeldagegen obwalten kann, das nennt man Köhlerglauben, Geisteszwang rc.; aberglauben, was die eigene Phantasie eingibt, oder was ein listiger Betrüger vor-schwätzt, das ist Beweis eines starken Geistes, einer hohen Vernunft! Ja, dasist eine schandvolle Strafe des Unglaubens, daß Diejenigen, die die Wahrheitwegwerfen, über alles Heilige sich hinaussetzen, über Vorurtheile und Aberglaubenscherzen und schmähen, welchem nach ihrer Meinung frommgläubige Christenhuldigen, daß gerade diese am meisten und am tiefsten in den Aberglauben ver-fallen Man will die katholische Lehre nicht glauben, weil man mit dem schwa-chen Verstände Manches nicht begreifen kann; aber wie Vieles glaubt man dochwieder ohne allen Grund, wie Vieles nimmt man auf eitles Menschenwort hinfür wahr an, dessen Wahrheit doch schwer zu begreifen und sehr zu bezweifelnist! Man glaubt nicht, was der Geist Gottes in der katholischen Kirche lehrt,,aber wohl glaubt man, was ein altes Weib aus den Kartenblättcrn enträthselnwill, was die Phantasie im nächtlichen Traume vorspiegelt rc. Wahrlich hier