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und baue es von Neuem wieder auf, d. h. wenn Du nun durch die GeueralbeichtDeinen Lebenswandel vor Gott und vor Dir getilgt hast, dann fange einenneuen Lebenswandel an, der fest und haltbar ist. Verstehen wir aber unter derBaufälligkeit die Sündhaftigkeit, so müssen wir unter der Festigkeit und Halt-barkeit die Tugend begreifen und zwar, wenn wir nur unsre Seele im Augebehalten, die unsern sündhaften Neigungen gerade entgegengesetzten Tugenden. —Du aber lachst, d. h. Dein Eigendünkel hält Dich für Weiser und verständiger,als Gottes Stellvertreter und verwirfst dessen wohlmeinenden Rath. — Du be-quemst Dich nur zu den nothwendigsten Reparaturen, d. h. du beichtest zwar,aber nur die Sünden nach Deiner letzten Beicht. Du gehst auf die Vergangen-heit Deines ganzen Lebens nicht zurück, welche Dir allein und ausschließlich ineinem Gesammtüberblicke Deine Leidenschaften und Neigungen als die QuelleDeiner Versündigungen offenbaren könnte. So tilgst Du also Deinen alten Lebens-wandel nicht vom Herzensgründe aus, und kannst mithin auch keinen gänzlichneuen Lebenswandel, ausgeschmückt mit dem Liebreize aller Tugenden, an seineStelle setzen, da Sünde und Tugend nicht unter einem Dache leben können.Alle guten Werke, welche die Früchte Deiner Beicht sind, bessern zwar Deinen Le-benswandel, aber sie sind ohne Dauer, selbst wenn sie in Tugendübungen bestehen,welche als Gegensätze zu Deinen Begierden von der augenblicklichen Besiegungderselben Zeugniß ablegen. Demnach bleibt die nicht in ihrer vollen Tiefe er-kannte Leidenschaft als wankender Grundstein im Herzen zurück, der DeinenTugendbau untergräbt. Da stürzte des Nachts das Haus ein. Die Nacht istdie Zeit des sorglosen Schlummers. So lebt auch der, welcher eine augenblick-liche Dämpfung seiner Leidenschaften mit ihrer völligen Unterjochung verwechseltund wegen der durch die Kürze des Zeitraumes beschränkten Beobachtung ver-wechseln muß, mit stets geringerer und lauer werdender Wachsamkeit auf die Re-gungen seiner Seele dahin, indem er ja der Tugend sich ergeben wähnt. —Plötzlich stürzte das Haus ein, d. h. ohne vorheriges Wanken, vielleicht auch ohneäußere Veranlassung. Und plötzlich stürzt Dein unhaltbares Tugendgebäude ein,und die nur schlummernde Leidenschaft erwacht mit erneuter Stärke, ohne daßein allmäliger Uebergang in Deiner Seele Dich vorbereitete, ohne daß vielleichteine äußere Gelegenheit Dich lockte. — Und begrub den Eigenthümer unter seinenTrümmern. — O Mensch! Dein Tugendgebäude ist eingestürzt; Deine Seele,vergraben in der Sünde, stirbt den geistigen Tod, vielleicht ohne je wieder zumLeben in Christus zu erwachen, wenn sie in diesem Zustande die leibliche Hülleabstreifen muß.
Darum, o Mensch! schlage nicht an die sündige Brust mit dem Ausrufe:Ich habe gesündigt seit vier, sechs oder acht Wochen, sondern sprich: Ich habegesündigt mein ganzes Leben hindurch, d. h. lege so oft, als Deine Umstände er-lauben, eine Geueralbeicht ab! Wenn Du des Jahres zwölfmal beichtest, solltemindestens Eine Beicht eine Generalbeicht sein.
Freiwillige Selbstbestrafung.
Eine englische Zeitschrift theilt die nachstehende Anekdote von Kur großenGelehrten Samuel Johnson mit: Es war im November 1776 bei einem entsetz-lichen Wetter, denn es regnete nnd es schneite und es wehrte ein kalter, schnei-dender Wind. Alle angesehenen Personen der Stadt Lichtfield und der Umgegend
hatten sich bei der Gräfin v. L_ versammelt, um mit dem Doctor Johnson
zu speisen, der seinen Geburtsort besuchte. Die Stunde der bestimmten Zeitverging und Johnson kam nicht; man wartete zwei Stunden vergeblich und aß