Ausgabe 
20 (24.6.1860) 26
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endlich ohne ihn. Man hatte bereits den Thee getrunken, es war dunkel ge-worden und die Gesellschaft wollte sich entfernen, als man den Doctor an-meldete.

Er trat ein und sein ungewöhnliches Aussehen fiel sogleich allen Anwesen-den auf. Es war nicht mehr jenes stolze, rauhe Wesen, das ihm so viele Feindezuzog, trotz seiner vortrefflichen Eigenschaften; er sah vielmehr bleich, schwachund ermattet aus; sein Anzug befand sich in großer Unordnung und war mitSchnee und Reis bedeckt. Man sah ihn schweigend an. Er schritt auf die Gräfinzu und sagte:Gnädige Frau, ich bitte mich zu entschuldigen. Als ich versprachzu Ihnen zu kommen, dachte ich nicht daran, daß heute der 21. Novemberwäre. Sie verstehen dieß nicht? Nun wohl, ich will es Ihnen erzählen; eswird eine Buße mehr sein. Heute vor vierzig Jahren, am 21. November, sagtemein alter, kranker Vater zu mir:Samuel, nimm den Wagen, da ich nichtwohl bin, fahre auf den Markt nach Walstall und verkaufe für mich die Bücherin den Laden." Ich, gnädige Frau, thöricht, stolz auf die Kenntnisse, die er mirgegeben, ich, der ich nur das Brod seiner Arbeit gegessen hatte, ich, dem es bis-her an Brod gefehlt hatte..., ich weigerte mich. Der Vater drang mit einerSanftmut!), an die ich jetzt mit dem größten Schmerze denke, in mich und sagte:Samuel, sei ein guter Sohn, geh', es wäre Schade, einen Markttag einzu-büßen." Ich weigerte mich aus thörichtem Stolze fortwährend; da fuhr meinVater selbst, und es war ein Wetter, wie heute; mein Vater ging und starbwenige Tage nachher." In diesem Augenblicke bedeckte der Doctor mit seinenbeiden Händen die Thränen, welche über sein würdevolles Antlitz rannen. Dannfuhr er fort:Dies geschah vor vierzig Jahren; seitdem komme ich jeden 21.November nach Lichtfield. Den Weg, den ich damals nicht fahren wollte, macheich zu Fuße und ohne gegessen zu haben, ich bleibe vier Stunden auf demMarkte von Walstall mit unbedecktem Haupte an der Stelle stehen, wo meinVater dreißig Jahre lang die Bude hatte, die ihn und mich nährte. Es sindseitdem vierzig Jahre vergangen, ich bin älter geworden, als mein Vater war,da er starb, und kann nicht sterben!" Niemand wagte Johnson zu trösten, aberkein Auge blieb bei der rührenden Erzählung des reuigen alten Mannes thränen-leer. Gehorche deinen Eltern!

Verlaum-ung.

Die Verläumdung ist eine Art Mord. Denn dreifach ist unser Leben: dasgeistige Leben, das in der Gnade Gottes besteht, das körperliche, das durch dieSeele gehalten wird, und das bürgerliche, das in Ehre und gutem Rufe seinenBestand hat. Der Verläumder begeht durch einen einzigen Stich seiner Zungegewöhnlich drei Mordthaten auf einmal. Er tödtet geistiger Weise seine eigeneSeele, raubt demjenigen, den er verläumdet, das bürgerliche Leben, verwundetz tödtlich auch die Seele desjenigen, der ihn anhört.Denn, wie ein weiser Mannspricht, sowohl der Verläumder, als der Anhörer desselben haben den Teufel beisich, dem einen sitzt er auf der Zunge, dem andern im Ohr." Oder wie Davidsagt:Die Verläumder haben ihre Zungen gespitzt, wie eine Natter."

Die Nattern haben eine Gabelzunge mit zwei Spitzen, und mit einer ähn-lichen Zunge durchsticht und vergiftet der Verläumder mit Einem Male sowohlden guten Namen desjenigen, von vem er spricht, als auch das Herz desjenigen,der ihn anhört, und es kommt nicht ihm zu Gute, wenn das Herz des Anhörersmit einem edlen Gegengifte bewaffnet ist.

Jene nun, welche bei ihren Verläumdungen erst ehrenvolle Vorreden haltenoder allerlei Artigkeiten von Liebe und Lob dazwischen bringen, sind die schlauesten