Ausgabe 
20 (24.6.1860) 26
Seite
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und giftigsten Verläumder von allen. Sie sagen zum Beispiel:Ich habe ihnwirklich recht lieb, oder: ich weiß sonst nichts Uebles von ihm, oder: er ist sonstein rechtschaffener und gebildeter Mann aber was wahr ist, ist wahr: in diesemPuncte n. s. w." Wer mit dem Bogen schießen will, zieht, so stark er ist, denPfeil an sich, aber nur deshalb, damit er ihn mit desto größerer Gewalt ab-schnelle. Ebenso scheinen auch jene den Pfeil der Verläumdung an sich zu ziehenum desto sicherer Las Herz der Zuhörer zu treffen und desto tiefer in dasselbeeinzudringen.

Noch grausamer, wenn auch nicht so boshaft, ist diejenige Verläumdung,welche scherzweise vorgebracht wird. Der Schierling ist an und für sich keinschnelles Gift; er wirkt vielmehr ziemlich langsam und kann durch Gegenmittel ge-hemmt werden; wird er aber mit Wein vermischt, so ist jedes Mittel vergeblich. Ebenso bleibt auch die Verläumdung um so fester im Herzen der Anhörer sitzen, wennsie durch ein witziges oder Lachen erregendes Wort gewürzt wird. Sie ist dannrecht eigentlich wie Natterngist, das anfänglich nur einen angenehmen Kitzel er-regt, dadurch aber das Herz und die Eingeweide erweitert und sich dann destotiefer einsaugt. Franz von Sales .

Die einfache Antwort.

Ein Metzgerbursche Namens Lavoine hat ohnlängst auf dem Weg nach St.Germain eine muthvolle That vollbracht. Ein Ochse hatte sich in einem Anfallevon Wuth auf zwei junge Eheleute gestürzt; er hatte den jungen Mann mitden Hörnern aufgehoben und einen Theil seiner Kleidungsstücke zerrissen, ohneihn jedoch zu verwunden, und kehrte sich nun gegen die Frau, welche sich hintereinen Baum zu flüchten gesucht hatte; da bewaffnete sich Lavoine mit einemMesser und stieg aus dem Wagen, auf dem er mit drei Kameraden saß. Dieseriefen ihm zu:Du gehst in den Tod!" Lavoine stellte sich, ohne auf sie zuhören, entschlossen gerade vor das wüthende Thier hin; der Ochse, in der Mei-nung, er könne sich seiner so wie seines früheren Opfers entledigen, stürzte sichauf ihn, aber Lavoine machte eine geschickte Wendung und stieß ihm seine Waffemit so vieler Kraft und Gewandtheit in das Genick, daß er das Rückenmark trafund das Thier wälzte sich unmittelbar zu den Füßen seines Siegers.

Dieses unerwartete Gefecht währte nicht länger als drei Minuten, undals das junge Paar sich in Ausdrücken des Dankes gegen seinen Befreier ergoßund Jedermann wiederholte, er habe eine Heldenthat gethan, antwortete Lavoinebescheiden:Habe ich eine gute That begangen, so wird mir die Vorsehung sieeinst lohnen!"

Heilige Stimmen.

O unfruchtbare Seele, was thust du? Was List du so träge, sündhafte Seele!Der Tag des Gerichtes kommt, nahe ist der große Tag des Herrn, nahe undsehr nahe. Der Tag des Zornes, jener Tag! Der Tag der Trübsal und derAngst! Der Tag des Unglücks und des Elends! Der Tag der Finsterniß und derDunkelheit! Der Tag des Nebels und des Sturmes! Der Tag der Posaune unddes Tones! O bittere Stimmen des Tages des Herrn! Was schläfst du, laueund des Ausschüttens Werthe Seele? Was schläfst du? Wer nicht aufwacht, wernicht zittert bei solchem Donner, der schläft nicht, sondern ist todt. H. Anselm.

Redaction und Bcrlag: M. Hutttcr. Druck von I. M. Klcinle.