Ausgabe 
20 (1.7.1860) 27
Seite
209
 
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1. Juli 1860.

Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post-Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährigeAbonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhand-lungen bezogen werden kann.

Das Manna.

0. Eine der lehrreichsten Geschichten des alten Testamentes ist jene desHimmelsbrodes. Der Herr hatte den Kindern Israels über's Meer geholfennnd sie in die Wüste geführt. Eine Wüste nun ist eine Strecke Landes, un-fruchtbar und unbewohnt. Daher bietet sie den Reisenden leine Nahrung, unddie Kinder Israels empfanden Lies bald, nachdem sie die aus Aegypten mitge-nommenen Vorräthe aufgezehrt hatten. Allein Gott sorgt für die Seinen. Erließ ihnen Brod vom Himmel thauen, und sättigte sie mit dieser Speise, welchesie das Himmelsbrod, Manna, nannten, auf ihrem langen Zuge durch dieWüste.

Gewiß! rief Clara, nachdem sie der erzählenden Mutter aufmerksamzugehört, hatten die Kinder Israels vertrauensvoll zu Gott in ihrer Nothgebetet, weil er sie so wunderbar errettet, und ihm für seine Hilfe im Herzenund im Wandel gedankt.

Nein, mein Kind! Im Elende murrten sie und wünschten sich die Fleisch-töpfe Aegyptens zurück. Nnd als sie das Brod hatten, rissen es die Gewalt-thätigeren an sich und wollten die Schwächeren darben lassen. Später selbst warihnen das Himmelsbrod verleidet, nnd es gelüstete sie nach Fleisch.

Die Undankbaren! Sie hatten Brod für lange Zeit und brauchten nichtzu arbeiten. Wie mancher arme Mann, der nicht murrt, Gott gerne dankenwürde, muß sich abplagen nnd darbt am täglichen Brode!

Was schließest Du daraus?

Der Schluß liegt nahe. Fast möchte man sagen: Gott ist liebevoll gegendie, welche ihn verlassen, und verläßt jene, welche ihm liebevoll anhangen.

Du hast dem ersten Anscheine nach nicht ganz unrecht.

Wie, Mutter!?

Ich sage: auf den ersten Anblick! Betrachte viele Reichen! Sie gehörenzu jenen, welchen gleichsam das Brod vom Himmel regnet, indem sie bei geringeroder gar keiner Arbeit Ueberfluß haben an Allem. Sind sie nicht, wie die Kin-der Israels? Sie murren gegen Gott, vergessen seiner und beten das goldeneKalb des Mammons an. Unzufrieden mit ihrem Ueberflusse jagen sie nachMehreren:. Und Gott gibt ihnen mit vollen Händen. Doch mancher Arme?Du hast vorhin in wenigen Zügen sein Bild selbst entworfen. Wohin nunwirst Du einen zweiten, tiefern Blick richten müssen, diesen Widerspruch zu lösen,diese Gegensätze auszugleichen?

Nach dem Himmel.

Recht so, meine Clara! Doch nicht ausschließlich nach ihm als dem Thronedes Herrn, sondern auch nach ihm als der künftigen Wohnung der vor Gott treu Befundenen, zu welchen der vertrauensvolle Arme, doch nicht der undank-bare Reiche zählt.