Wohl wahr, liebe Mutter! Aber Du selbst hast nur von vielen undank-baren Reichen und manchen vertrauensvollen Armen gesprochen.
Allerdings. Was meinst Du damit?
Es muß also auch dankbare Reiche und Vertrauenslose Arme geben?
Unzweifelhaft.
Da nun die Dankbaren und Vertrauensvollen treu befunden werden vorGott , so müssen dankbare Reiche in den Himmel kommen, vertrauenslvse Armevon demselben ausgeschlossen bleiben?
Gewiß.
Armuth und Reichthum sind demnach nicht die Förderungs- oder Hinderungs-mitte! des Himmelreichs?
Wenigstens nicht ausschließlich und nicht nothwendig.
So könnte Gott Armuth und Reichthum ausgleichen oder aufheben, indemer wiederum Manna vom Himmel regnen ließe für die ganze Dauer unsererLebensreise.
Die Mutter konnte sich eines Lächelns über die ausgesuchte SpitzfindigkeitClarens nicht erwehren. Gleich zu Anfange hatte sie das Ziel der Einwürfeerkannt, und beschloß nun, ihre Tochter auf die einfachste Weise von ihren Ab-wegen zurückzuführen. — Das könnte Gott freilich — gab sie scheinbar zu —um so mehr, da er auch, wie bei den Jsraeliten, uns nur einen Moses zu sen-den brauchte, welcher das gesammelte Brod unter Alle nach Bedarf vertheilenmüßte. Nichts destoweniger würden wir einen der schönsten Genüsse des Christen-thums verlieren.
Der wäre?
Das Gebet des Herrn so recht aus Herzensgründe, — versetzte die Mutter.Oder könntest Du beten: Unser tägliches Brod gib uns heute! die vierte Bittedieses herrlichen Gebetes?
Warum denn nicht?
Du selbst hast der Jsraeliten Aufenthalt in der Wüste mit unserer Reisedurch das Leben verglichen. Wenn wir nun Manna oder ausreichenden Bedarfhätten für das ganze Leben, warum dann noch Gott Tag für Tag um dasbitten, was er uns schon auf immer gewährt hat? — Glaubst Du: wir wärennicht minder undankbar, wie die Kinder Israels; trachteten nicht minder nachMehrerem, unzufrieden mit dem Genug?
Ich glaube nicht, liebe Mutter! das Christenthum hat uns veredelt.
Bist auch Du Christin?
Mutter! Du fragst sonderbar.
Du bist verwundert. Wo ist denn Deine Veredlung durch das Christen-thum? Du setzest Dich zu Tische und hast vorher Gott kaum oberflächlich mitden Lippen gedankt. Du möchtest mehrere und bessere Speisen genießen. Dustehst auf und betest zerstreut, Deiner unerehrbietigen Stellung nach zu urtheilen.Der Mutter aber gedenkest Du gar nicht.
Dem Mädchen traten Thränen in die Augen.
Weßhalb thust Du dies?
Mutter! Ich weiß nicht. Gewiß geschieht es nicht aus bösem Herzen.Aber siehe! Mit der Essenszeit kommt das Essen wie von selbst. Ich möchtesagen: es regnet vom Himmel.
Würdest Du ernstlicher darüber nachdenken, so müßtest Du erkennen, daßes Dir Gott durch Deine Mutter bescheert. Was nun in den KinderjahrenGleichgiltigkeit ist, das wird in reifern Jahren Herzensbosheit. — Wann indeßHast Du mich doch um Essen gebeten?
So oft mich hungerte und Du mich darben ließest.
Wann geschah dies?