Ausgabe 
20 (1.7.1860) 27
Seite
211
 
Einzelbild herunterladen

211

Sobald ich mich gegen Deine Vorschriften verfehlt hatte.

Schöpfe aus dem bisher Gesagten zwei Lehren! einmal: der vertrauens-volle Arme betet zu Gott aus brünstiger Seele: Unser tägliches Brod gib unsheute! weil seiner Bitte auch Wahrheit, nämlich Mangel und nicht allein demü-thige Erkenntniß der gewährenden Vaterhuld zu Grunde liegt. Der Reiche fer-ner, dessen Herz noch nicht verhärtet ist gegen jede bessere Empfindung, wirddurch zeitweises Entbehren des irdischen Wohlseins von seinen Abirrungen zurüü-geleitet auf den Weg der Wahrheit. Unter dem täglichen Brode begreifen wirnicht nur Speise und Trank, sondern auch die Sorge für alles Irdische.

Wenn aber Gott die aufrichtige Bitte des Armen oder Reichen in der Stundeder Prüfung um das tägliche Brod nicht erhört?

Erinnerst Du Dich nicht fragte die Mutter dagegen einer Zeit, woDu klagtest: es hungere Dich gar sehr, und dennoch gab ich Dir nichts oderwenig zu essen?

Als ich krank gewesen und mich auf dem Wege der Genesung befand.

Wohl, mein Kind! Weßhalb glaubst Du geschah dieses?

Der Arzt hatte gesagt: Das geringste Speisenübermaaß könnte mir tödt-lich, mindestens höchst gefährlich sein.

Doch als Du völlig hergestellt warst?

Da durfte ich wieder essen und trinken, bis ich gesättigt war.

So, liebe Clara! würde das geringste Maß oder Uebermaß irdischen Wohl-seins diesem Armen, jenem Reichen gefährlich sein für das geistige Heil. DerVater im Himmel sieht dies voraus, und deßhalb versagt er dem Kind, die Ge-währung der zur Zeit thörichten Bitte. Hat nun der Geprüfte durch sein Lei-den das Maß der Kräftigung erhalten, welches nöthig ist, zur Ertragung selbsteines bescheidenen Glückes; dann erhört Gott die durch diese Kräftigung desBittenden jetzt weise gewordenen Bitte.

Wie aber, wenn der Geprüfte dieses Maß der Kräftigung nie erreicht?

Dann besckließt oft die göttliche Vorsehung über Jenen immerwährendesLeid, dessen Seele in der Freude zu Grunde gehen würde.

Jetzt ersässe ich die Seligkeit der Noth- und Kummerleidenden. Es ist dieSeligkeit der Zukunft. Wie unglücklich aber sind jene Reichen, bei denen dieBitte um das tägliche Brod wirklich nur eine demüthige Anerkennung der ge-währenden Vaterhuld und nicht wahrhafte Bitte wäre! Ihr Leichtsinn, der dasBeten vergißt, ist strafbar, aber doch verzeihlich! ,

Begreifen wir, liebe Clara! unter dem täglichen Brode, wie schon bemerkt,unser ganzes irdisches Wohlsein, dann ist kein Reicher, kein Glücklicher auf Er-den, der nicht täglich diese Bitte aus Herzensgründe zu Gott richten dürfte.Läßt der Schöpfer einem Reichen bei kleinerem Leiden ein größeres Maß der Freudeund versteht dieser scheinbar Glückliche das Maß nicht zu nützen für sein undseiner Mitmenschen Heil; dann dürfen wir annehmen, daß ihn Gott nicht Werthbefunden der zukünftigen Seligkeit und ihn deßhalb genießen lasse die Seligkeitder Gegenwart.

Im Ganzen, gute Mutter! haben die Jsraeliten doch den Vorzug vor denChristen, daß ihnen Gott einst das Brod vom Himmel regnen ließ.

Das Brod des Leibes, ja. Bei der Nahrung der Seele verhält es sichumgekehrt. Die Juden hatten nur Eine Bundeslade, nur Ein Allerheiligstes.Den Christen regnet das Brod des Lebens in zahllosen Kirchen durch die Unter-weisungen zahlloser Geistlicher gleichsam vom Himmel.

Worin, glaubst Du, gleichen wir den Kindern Israels?

Die Jsraeliten wurden des Himmelsbrodes satt und sehnten sich nach denFleischtöpfen Aegyptens .