Auch wir verachten das Himmelbrod, welches wir kaum oder nicht gekostethaben, und begehren die Fleischtöpfe der Welt und Sinneslust. Wir Thorenwollen lieber Knechtschaft und Genuß, als Freiheit und Selbstverläugnung.
Die Gebetstunde.*)
Das Fronleichnamsfest ist ein Massenzeugniß der katholischen Welt für denGlauben an die wirkliche, wahrhafte und wesentliche Gegenwart Jesu Christi imallerheil. Sacramente des Altares.. Diesem lauten, feierlichen, allgemeinen Be-kenntniß des Glaubens gegenüber steht das Einzelzeugniß einer gott lie-benden Seele. Wir wollen einen betrachteden Blick auf dieses Zeugnißwerfen und das Gemälde vor unseren Augen entrollen, wie sich das Einzel ge-bet eines kathol. Christen in der Stille und Einsamkeit gestaltet, eines jenerStundengete, welches die Glieder des Vereines zur beständigen Anbetung desallerheil. Sacramentes gelobt haben.
Ist die Fronleichnamsfeier wie ein Frühlingsfesttag, der tausend Blumenaus der frischerquickten Erde hervorlockt; wie Sonnenschein, der die jubelndeStimme der Vögelein im Walde wach ruft: so ist das Einzelgebet wie ein duf-tendes Veilchen, das im hohen Grase verborgen blüht, oder wie eine selteneBlume, die von kundiger Hand im Wohnzimmer gepflegt selbst im Winter er-blüht, und wenn auch nur von Wenigen gekannt, doch diese um so mehr entzückt.Was am schillernden Glänze und äußern Pompe, was am lauthintönenden Jubel-gesang abgeht, das ist reichlich durch die Glut der Gottesliebe, durch die Innig-keit der Glaubenstreue ersetzt. Hier zeigt es sich wahrhaft, daß das Gebet derLebensodem der Seele ist, und daß sich der Christ anf den Flügeln der Andachtvon der Erdenschwere loslösen nnd in den Himmel erheben kann.
Stellen wir aber die Annahme voraus, jene fromme Seele, welche dasStundengebet zu halten hat, sei in ihren äußeren Lebensverhältnissen unabhängigund sie könne ungestört und ungehindert nach ihrem Sinne in ihrem Gemacheder Andacht obliegen, und nehmen wir ferner an, die Gebetstunde treffe in dereilften Stunde zur Nachtzeit ein.
Schon der vorausgehende Vormittag findet die fromme Seele in einer reli-giös aufgeregteren Stimmung, der Tag hat für sie eine gewisse Feierlichkeit,und wenn es anders möglich zu machen war, empfing sie am Morgen die heil.Sacramente der Buße und des Altares, um zu ihrem Engelsgeschäfte in derNacht ein Gott wohlgefälliges Herz mitzubringen.
Lange bevor die bestimmte Stunde hereinbricht, ist mit einer eigenen ängst-lichen Sorgfalt der Betaltar schon geordnet, das Cruzifix ist mit Blumen ge-schmückt, die Lichter sind hergerichtet, das Gebetbuch, der Rosenkranz ist bereitet.Zu Hause näml'.ch in ihrem stillen, verschwiegenen Kämmerlein wird sie die Ge-betstunde halten, denn das Haus Gottes ist um diese nächtliche Stunde ver-schlossen, das allerheil. Sacrament ist im dunklen Tabernakel verborgen und nurein sanftes Ampellicht vor demselben deutet dort mit leisem Schimmer auf dieGegewart jenes geheimnißvollen ewigen Lichtes, das zugleich die Wahrheit, derWeg und das Leben ist.
Der Frieden und die Stille der Nacht breitet sich immer dunkler überdie Erde aus und ringsum versinkt alles in Schlaf und Ruhe, doch das Vereins-initglied wacht noch mit Hellem Auge und horcht auf den Schlag der sich nähern-
*) Die Mitglieder des „V er ein es zur beständigen Anbetung des allerh eiligstenSacramentes" wählen sich bekanntlich „in jedem Monate eine stündliche Anbetung deshochwürdigsten Gutes." („Der kath. Christ" 1859. II. 139^) Diese Stunde ist eine Stunde der un-getrübtesten Freude und, wir wollen es zuversichtlich hoffen, auch eine Stunde der Gnade.