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den Stunde. Da werden die Lichter an dem Betschämel angezündet und unwill-kürlich denkt die Seele an jenes Mitglied, dessen Gebet nun zu Ende geht. Sieweiß nicht, wer dies sei, ob der hochwürdigste Bischof, oder ein anderer Priester,oder ein Laie, ob eine Frau oder ein Mann, ob eine vornehme Dame oder eineMagd; sie weiß nur das eine, daß der Ruf „Heilig" in dieser Stadt nicht ver-stummen soll und daß sie selbst denselben alsogleich fortsetzen wird, sobald erauf anderer Lippe zu Ende ging.
Horch! da schlägt die eilfte Stunde; und beim ersten Schlage sinkt diechristliche Seele auf die Kniee, bezeichnet sich mit dem heil. Kreuze, neigt dasHaupt, faltet die Hände und stellt sich in die Gegenwart Gottes, in die Gegen-wart des allerheil. Altarssacramentes; dann hebt sie leise, leise zu beten an:„Heilig, heilig, heilig, Herr Gott Sabaoth , Himmel und Erde sind deiner Herr-lichkeit voll! — Hochgelobt und gebenedeit sei ohne End" — Jesus Christus imallerheiligsten Altarssacrament!"
Wahrhaftig! bei diesem Rufe bebt ein heiliger Schauer durch das Gebein,das Herz erzittert und pocht fast mit lautem Schlage, der Geist fühlt die Näheder heiligen Gottheit; denn es geschieht, was die heil. Schrift sagt: „Alsbaldwird zu seinem Tempel kommen der Herrscher, den ihr suchet, und der Engeldes Bundes, nach dem ihr verlanget." — Wie! eines Menschen Kind, ein sünd-haftes Menschenherz wagt es, in den himmlischen Lobgesang der Cherubim undSeraphim am Throne des Lammes seine irdische Stimme hineinzumischen! EinErdensohn wagt es, dasselbe Wort zu sagen, was die Engel im Himmel nurzitternd aussprechcn, das Wort, den Namen, bei dem sich alle Kniee beugen sollenim Himmel, auf der Erde und unter der Erde!
Ja, der katholische Christ wagt es und er darf es; er darf sein Auge zumHimmel aufschlagen, denn der Sohn Gottes selbst, der gekreuzigte Heiland hatihm die Pforten des Himmels erschlossen. „Wenn ich werde erhöhet sein" —sprach er — „werde ich alle an mich ziehen." Und so blickt die gläubige Seeleauf zu dem Herrn mit Entzücken, mit vertrauensvoll ergebenem Herzen, denn sieh!der Heiland ist in den Himmel erhöht, er zieht >— zieht jetzt die betende Seelean sich, daß nun mit größerer Glut, mit wachsender Begeisterung von den zit-ternden Lippen das Wort fließt: „Heilig, heilig, heilig, Herr Gott Sabaoth !"
Und sieh! der entzückte Geist weilt nicht mehr eingeschlossen in die engeKammer, er fliegt hinaus zur Kirche, er weilt vor dem Hochaltare, er liegt aufden Knieen vor dem Altarssacramente. Doch sieht er das Haus Gottes nichtin's nächtliche Dunkel gehüllt, er schaut es in seiner Herrlichkeit; im hellen Lichter-kranze strahlt der Altar; das silberweise Brod des Lebens leuchtet herab ausder goldenen Monstranze. Da neigt sich der Christ tief zur Erde und vergehtfast in stiller, stummer Anbetung; die Worte versagen ihm, nur seufzen, nurweinen kann er, weinen vor Freude. Die Macht des heil. Geheimnisses ist überdie andächtige Seele hereingedrungen und hat sie bewältigt. Sie denkt nichts,als den Gedanken der unendlichen Güte des Sohnes Gottes, der nicht bloß ster-ben wollte für uns, sondern auch leben; der nicht bloß lebt für uns, sondernauch wohnt unter uns; der nicht nur wohnt unter uns, sondern uns auch nährtzum- ewigen Leben, daß nicht wir leben, sondern Christus in uns. — O unbe-greifliche, unendliche Gnade! „Heilig, heilig, heilig! Hosianna in der Höhe!Gepriesen sei, der da kömmt im Namen des Herrn! Hosianna!"
Und sieh! der Geist wandert auf den Flügeln der begeisterten Andacht hin-aus, höher hinauf zum Himmel; er blickt in den Himmel, den geöffneten Himmel.Das liebende Herz wird weit, so weit — es öffnet sich mit allen seinen Poren,es möchte den Himmel in sich hiueinsaugen und ihn nimmer lassen, denn essieht darin seinen Heiland, den süßen Heiland, Jesus Christus.