Ausgabe 
20 (1.7.1860) 27
Seite
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O wie beflügelt wird nun der Athem des Gebetes! o wie steigt es raschauf zum Himmel, unablässig, wie der Springbrunnen eines Ziergartens, unab-lässig, wie der Duft einer Frühlingsblüthe. Minute um Minute fließt und mitihr die Lebensseufzer und die Thränen heiliger Rührung. O mein Gott, wielieb bist du und wie entzückend ist deine Gnade!

Nun entströmt begeistert die Litanei zu Ehren des allerheil. Sacramentesund alle ihre süßen Liebesworte, nun folgt Gebet auf Gebet ohne Rast, ohneRuhe; aber wer wollte, wer könnte sie alle aufzählen, die Gebete, welche einegottbegeisterte Seele zu ihrem Gott emporzuschicken versteht. Und doch müssenwir eines Gebetes noch erwähnen, eines Gebetes von ergreifender echt katholi-scher Bedeutung.

Die christliche Seele betet nämlich nicht für sich allein; so eben hat siealle Mitglieder des Vereines, so eben alle ihre Theuren im Leben und dannalle katholische Christen in ihr Gebet eingeschlossen. Doch welcher Gedanke steigtnun in ihr auf, wie eine schwere Gewitterwolke am reinen Abendhimmel. Erpreßt bittere Thränenperlen aus, die schwer über die Wange rollen und die Stättenetzen. Ja, die fromme Seele weint Thränen des Schmerzes, denn sie gedenktin tiefer Reue und Zerknirschung ihrer eigenen Sünden und ach! der Sündenihrer Mitchristen. Sie sieht im Geiste das allerheil. Sacrament von Vielen,ach! von sehr Vielen vergessen, mißachtet, verunehrt, gelästert. Mit glühenderLiebe bittet sie dem Erlöser all' diese Wunden, all' diese Geißelhiebe, all' dieseStacheln der Dornenkrone ab, bittet um Gnade für seine Feinde, um die Gnadeder Erkenntniß, Reue, Buße und Besserung. O könnte sie mit ihren Thränenund Seufzern auch nur die fremde Schuld tilgen uud auslöschen!

Die katholische Seele betet nicht für sich allein, Ihr Blick und ihr Gebetwendet sich auch denen zu, die sich selbst nicht mehr helfen können. Mit innigerTheilnahme empfindet sie in der Tiefe ihres Herzens die Sehnsucht der armenSeelen im Fegefeuer nach Erlösung. Sie sieht gleichsam die Hände derselbenflehend nach oben gestreckt, sie hört die unaufhörlichen Seufzer um Erretungaus dem Orte der Büßung. Ach! wer, mit einem christlichen Herzen in derBrust, sollte jener Lieben und Theuren vergessen, die uns im Tode vorausgingen,wer sollte derer vergessen, welchen wir am schauerlichen Grabe ein thränenvollesruhe im Fieden" nachriefen. Ruhe im Frieden des ewigen Lichtes, Ruhe inGott ! wann kann diese Bitte wohl kräftiger wirken, als wenn sie in der An-betung des allerheil. Altarssacramentes gestellt wird, das ja eben ein Unter-pfand dieses Friedens ist, erkauft mit dem kostbaren Blute des Heilandes. Omöge die Bitte um Gnade gesegnet sein!

So betet das fromme Vereinsmitglied und unter solchen Gebeten entschwindetdie Stunde wie ein Augenblick. Es schlägt zwölf Uhr: die Lichter verlöschen;das Gebet ist beendet. Während in einem anderen Hause mittlerweile ein an-deres Vereinsmitglied seine Gebetstunde beginnt, sinkt hier der Christ, zufriedenüber das treu vollbrachte Tagewerk, in die Arme des Schlafes. Der heil. Schutz-engel aber wacht über dem Schlafe des Gerechten.

Vormals und Jetzt.

Das Bonifacius-Blatt entwirft in Nr. 1 d, I., um einige Anregung zugeben zur Betheiligung an dem Werke, welches der nach dem Apostel Deutsch-lands benannte Verein sich vorgesetzt hat, ein kleines Bild von der kirchlichenVergangenheit desjenigen Theiles unseres deutschen Vaterlandes, welchem derBonifacius-Verein seine Aufmerksamkeit und Fürsorge vornehmlich widmet. DieArmuth und Noth, in welcher dort die Kirche gegenwärtig sich befindet, tritt