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Also hinsichtlich des Guten sollen wir uns gleich erweichen lassen. Wie istes nun mit dem Bösen zu halten?
Da sollen wir unerweichlich sein.
Gleichen wir im Betreff des Guten dem Steine, so beschämt er uns imBösen. Er wird nur hohl durch oftmaliges Auffallen von Wassertropfen. UnserHerz öffnet nicht selten auf leisestes Anpochen der Verführung das innersteHeiligthum. — Gehen wir zu etwas Anderem über! Wodurch unterscheidet sichder werthvolle Stein vom gewöhnlichen?
Den gewöhnlichen finden wir auf der Straße ohne Mühe, den kostbarennur mit großen Anstrengungen aus tiefem Bergesschachte.
So auch begegnen uns der gewöhnlichen Menschen viele auf dem Lebens-wege, die seltenen hingegen finden wir nur mit klug prüfendem Blicke.
Was verbürgt diesem Blicke seine Sicherheit?
Wiederum das Hinschauen auf den Stein. Die gewöhnliche Gattung diesesMinerals trägt ihre Eigenschaften auf der Oberfläche; der gewöhnliche MenschHerz und Charakter im Aeußern, manchmal gar nur auf der Zunge.
Und der edle Mensch?
Dieser findet sein Ebenbild am edelsten der Steine: dem Diamanten, dessenFarben erst durch mühsames Schleifen im blitzenden Lichte erstrahlen. Auch erentkleidet die ihm innewohnenden Tugenden der unscheinbaren Hülle der Alltäg-lichkeit, wenn wir diese Hülle durch vertrauten Umgang behutsam abgestreift haben.
Weßhalb indeß strahlt der Diamant in herrlichern Farben, als ein andererEdelstein, wenn man ihn geschliffen?
Weil er ein einfacher und gediegener Stoff, die andern Edelsteinemeistens zusammengesetzte Körper, stets aber geringeren Stoffes sind. Wendedieß aus den Menschen an! Derjenige, dessen Wille mehre und niedrige Zieleverfolgt, welche oft nicht vereinbar sind, wie die Einen Stein bildenden Stoff-massen, sondern sich geradezu ausschließen, wird wegen seiner unvereinbaren, odersich unter- und beiordnenden Wünsche nie etwas Großes erreichen. Wer aberseinen ganzen Willen, seine ganze Kraft nur auf Ein erhabenes Ziel richtet, derist groß in der Weise seines Strebens, selbst wenn dies Streben bescheiden oderunerreichbar wäre.
Doch der Diamant strahlt in mehreren Farben. Dies spricht gegen dieEinheit.
Wie der Diamant ein einmastiger und reiner Körper ist, so muß auch derWille des Menschen von einheitlichem und edlem Streben beseelt sein. Bildetnun die Stoffeinheit und Reinheit des Diamanten die Ursache seines vielfachenFarbenspieles, so wird die Einheit des guten Willens in mehreren trefflichenEigenschaften sich ausprägen, welche dem Schwachsinnigen und Bösen abgehen.Wo Willenseinheit, da herrscht Ueberzeugungstreue, da Festigkeit; wo Festigkeit,da ein geregeltes Handeln. Siehe Clara! diese Versinnbildungen liegen in dennatürlichen Eigenschaften des Steines und seiner Abarten. Hältst Du ihn nochimmer für einen bedeutungslosen Beitrag zur Verfinnbildung des ganzen Men-schen, wie sie erstrahlt aus der ganzen Schöpfung?
Nein, meine Mutter!
Nun tritt die Symbolik der Kunst hinzu, mannichfaltig, wie jene derNatur. — Betrachte den einzelnen Stein! Was ist er selbst in der Gestalteines ungeheuren Felsens?
Ein Stäubchen gegen das All der Schöpfung.
Aber zusammengehäuft und ausgethürmt in unübersehbaren Felsmassenzum Gebirge?
Da erscheint er gleichsam als irdische Wohnung des unendlichen Weltgeistes.
Was ist nun die Kunst?