Ausgabe 
20 (8.7.1860) 28
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Das menschliche Nachbild des göttlichen Vorbildes in der Weltschöpfung.

Wie konnte die Kunst diesen großen Gedanken einer irdischen Wohnungdes unendlichen Geistes im Kleinen nachahmen?

Dadurch, daß sie Häuser schuf zum endlichen Aufenthalte für den end-lichen Menschen.

Nachdem Gott den Stoff im Steine gegeben, gab er auch einen Fingerzeigzu seiner Benützung in demselben Minerale.

Woran erkennen wir diesen Fingerzeig?

Das Gcbirg: ward es gebildet aus Einem Felsen? Und das Haus, wirdes erbaut aus Einem Steine?

Nein. Der Mensch jedoch baut nach bestimmtem Risse; planlos schichten sichdie Felsmasscu zum Gebirge empor.

Mit Nichten. Gleich dem menschlichen hatte und hat auch der göttlicheBaumeister seinen Plan, welcher jedem Ständchen seine Stelle anwies und nochanweist; allein dieser Plan ist uns unsichtbar, wie sein erhabener Begründer undVerwirkliche!.

Welches ist ferner der Hauptzwek und Urzweck des Hauses?

Es bildet die feste Niederlage der Familie.

Die Familie aber im Großen bezüglich ihrer religiösen und weltlichenVereinigung, wie heißt man sie?

Staat und Kirche.

Die festen Grundlagen nun: d. h. die ewigen, oder nur nach bestimmtenRegeln wandelbaren Gesetze des kirchlichen, staatlichen Rechts und Völkerrechtesin ihrer gewissenhaftesten Befolgung versinnbilden sich im Begriffe des Hauses,wie die auf diesen Grundlagen ruhenden Gemeinschaften im Begriffe der Familie.Diese Versiunbildung ist die Symbolik der Baukunst.

Mutter! Noch beschäftigt sich eine zweite Kunst mit dem Steine: mindererhaben, doch unmuthiger, als die Baukunst.

Du meinst die edle Bildhauerkunst. Welches ist ihr schönstes Ziel?

Menschen und menschliche Thaten zu verherrlichen im herrlichsten Werke.

Du nanntest sie unmuthiger. Auch ihre geistige Beziehung und Anwend-barkeit in dieser Richtung auf uns ist lieblicher, trostreicher und gleich erhaben,wie jene der Baukunst. Ihre sinnigsten Leistungen sind also Grabsteine. Wor-auf setzt man einen Grabstein?

Auf's Grab eines Verblichenen.

Weßhalb?

Anzudeuten, wer hier den Schlaf der Ewigkeit schlafe, geliebt und unver-gessen von seinen Zurückgebliebenen, welche Liebe und Gedächtniß an den TodtenLurch den Denkstein kund geben.

Nun gibt es noch ein Grab, in welchem der Verstorbene nicht schlafen,sondern gleichsam fortleben soll.

Dies Grab wird das Herz sein der zurückgelassenen Freunde.

Und ist das Herz ein Grab, kann nicht der ganze Mensch, der dies Herzumschließt, ein Grabstein sein, welcher nicht den Namen, sondern die Persönlich-keit des Verewigten vor Augen stellt?

Wie das?

Dadurch, daß wir den edeln Charakter des Verblichenen in unserm Charak-ter vergegenwärtigen, seine treffliche Handlungsweise nicht dem geistigen Auge derErinnerung überlassen, sondern in unsern Handlungen neu verkörpern. Ver-gleicht man den erdbeworfenen Todtenhügel mit einer solchen Gruft, dann heißtes: dort schläft, hier aber lebt der Verblichene. Und dies ist die rührendsteSymbolik der Bildhauerei.

, Diese Verstnnbildung, liebe Mutter! ist um so trostvoller, da sie nicht, wie