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jene der Baukunst, einer Gesammtheit von Menschen, sondern jedem einzelnenSterblichen zur Nacheiserung vorschwebt. Welches Labsal! mit dem Tode nichtvergessen zu sein!
Dies Labsal erquickt nur den, welcher selbst seiner Vergangenen nicht ver-gißt. Bis jetzt kennen wir nur einen todten Stammbaum von Namensregisternin den Familien. Lebendig würde ein Stammbaum aus Tugeudregistern blühenund Früchte tragen.
Aus dem Leben Pins LX..
Im Jahre 1824 begegnete Feretti in Rom einem jungen Verbrecher, NamensGactano, in dem Augenblick, als dieser zur Richtstätte geführt wurde. Durchdas sanfte, gottergebene Ansehen des Unglücklichen gerührt, begab sich der Priestereilends in den Vatican und erwirkte dessen Begnadigung zu lebenslänglichemGefängniß. Er wurde in der Engelsburg in Haft gebracht. ZweinndzwanzigJahre später war jener mitleidige Priester Papst Pins IX. geworden. Er hatteGaetano nicht vergessen und wollte sich nun selbst überzeugen, ob der Begnadigteseine Güte verdiene und sich bekehrt habe; zu gleicher Zeit wollte er sehen, wieman die Gefangenen in seiner Hauptstadt behandle. Er kleidete sich deshalbals einfacher Priester und machte sich Abends ganz allein auf den Weg nachder Engelsburg. Dort angekommen, wandte er sich an den Beschließer um Zu-lassung. Dieser, ein brutaler Mensch, wollte ihn abweisen; als ihm aber dervermeintliche einfache Priester einen schriftlichen Befehl des Papstes vorzeigte,wonach ihm ein Besuch des Gefangenen gestattet war, ließ er ihn mürrisch zu.Pius >X . trat in die Zelle Gaetano's. Dieser kannte ihn ebenfalls nicht undfragte zitternd nach seiner Absicht. „Ich bringe Nachrichten von Ihrer Mutter!"war die Antwort. Bei diesem süßen Namen rief der Gefangene: „Meine Mutter!Sie lebt also noch? Gott sei's gedankt!" — „Sie lebt und schickt mich zu Ihnen,um Ihnen die Hoffnung einer besseren Zukunft zu bringen." Der Gefangenewirst sich überglücklich in die Arme des Priesters, der ihn liebevoll an sein Herzdrückt. „Gott erbarmt sich also meiner, indem er mir einen Engel des Trostesschickt?" Nachdem die ersten Augenblicke dieser rührenden Scene vorüber waren,erzählte ihm der unglückliche junge Mann die Geschichte seiner zweiundzwanzigLeidensjahre. „Sie hätten an den Papst schreiben, sagt ihm der Geistliche, undseine Gnade anrufen sollen. Ein Verbrechen, im siebenzehnten Jahre begangen,war hinlänglich gesühnt." — „Ich schrieb, aber meine Briefe blieben ohne Ant-wort." — „Schreiben Sie nochmals!" — „Mein Brief würde aufgefangen,bevor er zu Gregor XVI. käme." — „Gregor XVI. lebt nicht mehr; schreibenSie an Pius IX. " — „Wer wird ihm den Brief übergeben?" — „Ich; schreibenSie, hier ist Papier und Bleistift." Der Gefangene schrieb einen Brief ohneBitterkeit und voll edler Gefühle. „So, noch vor Abend soll der Papst denBrief haben. Leben Sie wohl, mein Freund, vertrauen Sie auf Gott , bittenSie Ihn für Pius IX. und hoffen Sie."
Darauf kehrte er zu dem Beschließer, der voll Zorn und Ungeduld ausseinem Zimmer umherging, zurück. „Zum Teufel! Herr Abbate, Sie habensich schwer vergangen, schrie dieser ihn an; Sie sollten nur eine Stunde hierbleiben und jetzt sind schon zwei Minuten darüber; machen Sie, daß Sie fort-kommen !" — „Ihr vergeht euch durch das Fluchen; wenn das der Papst wüßte!" —„Nun, wenn er's auch wüßte! Der Papst kümmert sich so wenig um mich, alsich mich um ihn." — „Ihr kennt denn Papst nicht, sonst wüßtet Ihr, daß ervon Keinem verächtlich denkt. Wie heißt Ihr?" — „Das geht Euch nichts an;scheert Euch zum Kukuk!" — Der Papst begab sich sogleich zum Gouverneur derEngelsburg . Dieser war nicht minder übel gelaunt. „Noch ein Lästiger! rief