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Gott wohlgefällig sein müßte; und diese rein geistige Liebe nun findet ihre er-quickendste Nahrung im heil. Meßopfer.
Welche Verdienste kannst Du durch andächtige Beiwohnung einer heiligenMesse Deinem Nächsten zuwenden? — Das heil. Meßopfer enthält ein älomcntofür die Lebendigen, und auch eines für die Todten. Allein nicht nur diesebeiden Denkgebete, sondern jeden einzelnen Theil des heiligen Meßopfers, ja dieganze Messe können wir dem geistigen, wie leiblichen Heile eines Mitbruderszuwenden. Wie tröstend ist der Gedanke, geliebten Seelen im Reinigungsorte,welche nichts mehr für sich thun können, Jesu Verdienste, vielleicht auch ein klei-nes Verdienst unser selbst zuwenden zu dürfen? Wie beruhigend ist es für dasmenschliche Herz, einem Mitbruder in einer frommen Meinung bei der heiligenMesse geistiger Weise begegnen zu können, während wir vielleicht körperlicherseitsweit von einander getrennt leben müssen? — Du sollst Deinen Nächsten lieben,wie Dich selbst, also auch mit geistiger, übersinnlicher Liebe! Liebst Du nun ihn inWahrheit, wenn Du aus den höchsten Liebesquelle nur alle Sonn- und Festtage,nicht täglich für ihn schöpfen willst?
Das elfenbeinerne Crucifix von Genua.*)
Dieses berühmte Crucifix, das so große Aufmerksamkeit auf sich zog, alses über derLeiche des Hochwürdigsten Bischofs Neumann stand, während dieselbein der Kathedral-Capelle auf dem Paradebette lag, verdient mehr als eine vor-übergehende Beachtung. Der verstorbene Prälat schätzte diese Reliquie mehr alsalle andern irdischen Besitzungen, und kaufte sie um eine große Summe, um siein der neuen Kathedrale aufzustellen. Wir fügen unten die Geschichte des Cruci-fixes selbst, sowie auch eine kurze Skizze des gottbegeisterten Künstlers bei, vonwelchem dieses merkwürdige, wenn nicht wunderbare Werk vollendet wurde. Umdas zu thun, sagt der (latlloliv Ileralli null Vüilor vom 7. Februar 1857, müssenwir unsere Leser bitten, uns im Geiste nach einem der lieblichsten Thäler zu be-gleiten, welche unter dem blauen italienischen Himmel liegen. Beinahe ganzumringt von Bergen, scheint das Thal von Brcmbana, in einer Entfernung von50 Meilen von Mailand , gänzlich von einer Welt der Sorge und des Ehrgeizes,des Streites und menschlichen Stolzes ausgeschlossen zu sein. Der reiche Bodendes Thales hatte Jahrhunderte lang alle Lebensbedürfnisse der einfachen Ein-wohner erzeugt, deren irdische Bedürfnisse gering, deren Freudentage die Festeder Kirche, und deren ahnungsvolle, sehnsüchtige Erwartung auf das himmlischeReich gerichtet waren, wo sie nach diesem Leben zu wohnen hofften.
In jenem friedlichen Thale erblickte Carlo Antonio Pesenti am 22. Februar1801 zuerst das Licht der Welt. Die niedere, aber niedliche Wohnung amBerg -abhange, in welcher Carlo's Eltern wohnten, erfüllte sich mit Freude über dieseBegebenheit, denn er war ihr erstgeborner Sohn, und als er am Taufstein denNamen des erlauchten heiligen Carl, später bei seiner Confirmation den desheiligen Antonius erhielt, freuten sich die Dorfbewohner in der Freude seinerEltern. Er nahm unter dem Mutterauge zu an Tugend, und seine Gutmüthig-keit und Frömmigkeit machte ihn bald zum Liebling bei dem ehrwürdigen Pater,der in Wahrheit der geistliche Vater der guten Landleute im Thale war. DerKnabe zeigte ein hohes Verlangen nach Kenntnissen. Die traditionellen Geschichtender Heiligen Gottes, welche Glorie über die Kirche ergossen hatten, waren ihmbekannt von den Lippen seiner Eltern. Er wünschte mehr über dieselben von
*) Aus der zu Philadelphia kürzlich erschienenen Broschüre „Leichenfeierlichkeit desHochwurdigsten I. N. Neumann, v. v. e. 88. k. eic."