dem geliebten Priester zu erfahren, und da der gute Pater ihn als eifrigenSchüler erkannte, lehrte er ihn lesen. Um sein achtzehntes Lebensjahr hatteer sein großes Ziel erreicht, er konnte in der Bibliothek des guten Priesters vonder Reinheit und Demuth der Jungfrauen und Beichtiger der Kirche, von demHeldenmnthe der Märtyrer und der Heiligkeit des Lebens lesen, welches ihrezahllosen Einsiedler und Einsiedlerinnen in allen Zeitaltern des Christenthumsauszeichnete. Den jungen Carlo verlangte es, in seinen Mußestunden die glor-reichen Beispiele Derer nachzuahmen, deren Leben er studirt hatte.
Aus den Büchern die er las, erwarb er die Tugenden christlichen Helden-muths, der Demuth, des Gehorsams, der Keuschheit und Ausvauer, der Barm-herzikeit und des Gebetes. Er beschloß, diesen Vollkomcnheiten nachzueifern. Inseinen Mußestunden schnitzte er rauhe Bilder der Jungfrau und seiner heiligenPatrone; seine einzigen Modelle waren die Muttergottesbilder am Wege, oderdie Statue des heiligen Carlo, die in der Kirche stand, sein Material ein StückHolz, sein einziges Werkzeug ein Messer. Bei den lebhaften Erinnerungen andie ehrwürdigen Persönlichkeiten, welche Gott geehrt hatte, erhöhte sich das mitihm aufgewachsene Gefühl der Andacht von Jahr zu Jahr.
Als Carlo sich dem Mannesalter näherte, beschloß er, sich Gott allein zuweihen. Einer seiner heißesten Wünsche war, die ewige Stadt, den Weltsitz desChristenthums, zu besuchen; nicht um einer eitlen Neugier zu fröhnen, sondernum dem Grabe der Apostel seine Ehrfurcht zu zollen. Sein Vater stand nochin der Blüthe seines Lebens, ein jüngerer Bruder wuchs heran, und in seinem22. Jahre begann er mit Einwilligung seiner Eltern seine Wallfahrt nach derheiligen Stätte. Der Bruder seiner Mutter wohnte zu Rom , und zu ihm be-schloß der junge Carlo zu gehen, um Gelegenheit zur Befriedigung seines löblichenVerlangens zu finden. Es trug sich zu, daß in Folge einer Aufregung in denKirchenstaaten Fremde keine Erlaubniß erhielten, hineinzukommen, und unserjunger Wanderer wandte sich deßhalb zur Seite »ach dem Kloster St. Nieolaivon Tolentino, wo ihm, nach Angabe seiner Wünsche und Enttäuschungen, derSuperior zu bleiben gestattete.
Das Kloster von St. Nicolaus, außerhalb der Mauern von Carbonara,steht wie eine Krone auf einem der erhabenen Berge, welche „Genua , die Präch-tige" überschauen. Von dort konnte man die Kirchen und Paläste sehen, welchedie Stadt verschönern. Aus der Südseite breiten sich die Gewässer des Mittel-meeres aus, in deren Wogen sich von der einen Seite die Spitzen der hohen Alpenspiegeln, und von der andern Seite die Appenninnen, vergoldet von der aufgehendenund untergehenden Sonne. Die Erhöhung, auf welcher das Kloster stand, warfast umgeben von einem Amphitheater höherer Berge. Der Effect desselben,nebst den Palästen in der Ferne, den Orangen-Plantagen mit ihren goldenenFrüchten, den purpurnen Weinreben und dem sanft abfallenden Berge war ebenso herrlich als erhaben. Aber für die Mönche von Tolentino hatte die Stadtder Paläste mit ihren daran stoßenden Schönheiten keine Gewalt, um sie ausihren friedlichen Zellen zu ziehen. Die ruhige Zufriedenheit der Religion warfür sie alles, was sie wünschten, und nirgends konnte man diese Empfindungenbesser genießen, als innerhalb der stillen Klostermauern. (Schluß folgt.)
Der König und sein Diener.
* Ein König wollte bei einem seiner niedrigen Bediensteten Einkehr halten,und er sandte deßhalb köstliche Speisen und prächtige Geräthschaften voraus,damit er würdig empfangen werde. Der Diener aber verpraßte mit seinenFreunden die Speisen und Getränke und zertrümmerte die Geräthschaften. Als