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Ein MuttergotteSbildchen.
Ueber einen Familienvater waren hintereinander (ob durch seine eigeneSchuld oder nicht, ich weiß es nicht) so schwere Schicksale hereingebrochen, daßsein Vertrauen auf Gott und die Menschen von der Verzweiflung überwältigtwurde. Die Verzweiflung ist aber das Allerschlimmste in einem Menschenherzen;denn der Familienvater nahm einen Strick, um sich daran aufzuhängen. BeimFortgehen wollte er seine Kinderchen, auch seine Ehefrau nicht mehr ansehen,damit er nicht etwa durch den rührenden Anblick an seinem schrecklichen Vor-haben gehindert würde. Er wählte sich einen vor der Stadt gelegenen einsamen,mit Weidenbänmen bepflanzten Platz zur Ausführung seiner verzweiflungsvollenGedanken. Da sah er beim Hinschleichen im Pfade ein weißes viereckiges Papierliegen. Er hob es auf und drehte es um — es war ein Muttergottesbildchen,worunter die Worte standen:
„O Maria, ohne Sünd' empfangen, Litt' für uns,
Die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen."
„Ei, das ist ja eine wunderbare Fügung", dachte der Mann und bliebstehen. „Muß ich denn gerade dieses Bildchen jetzt finden, sehen, aufheben,lesen?" Er ging weiter, indem er auf die Worte sah: Bitt für uns, die wirzu dir unsere Zuflucht nehmen. Jetzt bleibt er wieder stehen, — es wird ihmplötzlich so leicht im Herzen, neue Lebenslust kehrt in seine Brust zurück, erbetet: Bitt' für uns — er wendet sich um, — er betet: die wir zu dir unsereZuflucht nehmen, — er schleudert den Strick weg, — er küßt das Muttergottes-bildchen und eilt in seine Familie zurück, umarmt sein Weib und seine Kinder-chen, bittet sie um Verzeihung, zeigt ihnen das Bild und alle knieen hin undbeten: „O Maria, Mutter Gottes, bitt' für uns, die wir unsere Zuflucht zudir nehmen!" Hierauf entdeckte der Mann sein sündhaftes Vorhaben auch seinemehemaligen Beichtvater und bald war es mit Gottes Hülfe gelungen, den Familien-vater vor aller weiteren Noth zu retten. Das Bildchen aber bewahrte er heilig,weil er sagte: „Durch dieses Muttergottesbildchen hat mich Gott erhalten."
Die letzten Stunden gläubiger Bekenner Christi.
Als der Abt Johannes dem Sterben nahe kämm, und zwar, wie Kindergegen ihre Eltern,in solcher Stunde zu thun pflegen, umgeben von seinen Jün-gern, baten ihn diese inständig, er möchte ihnen doch etwas zu ihrem Troste undzu ihrem geistigen Fortschritte sagen, und ihnen eine denkwürdige Vorschrift,gleichsam als ein Erbstück, hinterlassen, wodurch sie, wie vermittelst einer kurzenAnleitung, desto leichter zum Gipfel der Vollkommenheit gelangen könnten. —Einen tiefen Seufzer holend antwortete darauf der Abt: „Niemals that ichmeinen Willen, und niemals lehrte ich Jemanden etwas, was ich nicht selbst imWerke geübt habe!"
Carl lll., König von Spanien , lag auf dem Sterbebette. Bevor er dieheilige Wegzehrung empfing, wurde er von dem Patriarchen von Indien befragt,ob er auch seinen Feinden verzeihe? Und der Kranke gab die wahrhaft christlicheund königliche Antwort: „Also hätte ich bis auf diesen ernsten Augenblick wartensollen, um meinen Feinden zu verzeihen? Ich habe ihnen gleich damals schonverziehen, als sie mich beleidigten!"
Redaction und Verlag: I)n. M. Huktlcr. — Druck von I. M. Klei nie.