Ausgabe 
20 (22.7.1860) 30
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Hir. LV. 22. Juli 1860.

Da- AugSburger SonntagSbltta (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poji-Aettung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährigeAbonnementspreis ist 2V rr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhand-lungen bezogen werden kann.

Deutsche Misskonen in Brasilien .

I.

(Fortsetzung.)

Nun aber, wie ich Ihnen vorher andeutete, muß ich zu dem hellen Bildeauch die Schattenseite liefern. Mit Schmerzen gehe ich an diese Ausgabe, daja gerade auf jene Partie der Schatten fällt, von wo aus sich das Licht verbreitensollte. Nur zu wahr ist es, für die Ehre des Herrn ist in Rio-Janeiro weniggesorgt. Vor hundert Jahren genügten wohl die Kirchen den religiösen Bedürf-nissen, denn die Stadt zählte damals kaum den sechsten Theil der jetzigen Be-völkerung, die, wie man mich versichert, schon 300,000 weit übersteigt, und täglichfabelhaft zunimmt. Im Verlaufe der Zeit wurden einige alte Klosterkirchen inKasernen oder Hallen verwandelt, andere sind ganz oder theilweise verfallen,dazu aber nur wenige Capellen gebaut, so daß die neueren Stadttheile fast alleohne Kirche sind, oder nur ein Blockhaus zur Abhaltung des Gottesdienstes haben.Sind auch die älteren Kirchen nicht geschmacklos gebaut, und mit Statuen oderanderen, selbst kostbaren Zierrathen geschmückt, so sind sie für jetzt doch sehr ver-nachlässiget und bieten einen bejammernswerthen Anblick dar. Noch betrübenderaber für das katholische Gemüth ist der Gottesdienst selber, bei dem man feier-lichen Ernst, kirchlichen Anstand und religiöse Würde so sehr vermißt. Währendein profanes Orchester den theatralischen Gesang begleitet, werden von denAnwesenden laute Unterhaltungen angeknüpft, worauf noch manchmal possenhafte,weltliche Aufzüge folgen. Wie es da erst mit dem Empfange der heiligen Sacra-mente bestellt sei, können Sie wohl denken. Allerdings ist das Volk nochgläubig und hält am katholischen Glaupen, dessen Gepräge ihm, ich möchte sagen,unvertilgbar aufgedrückt ist, wenn ich die gegen denselben von verschiedenen Seiten,mitunter von Oben herab in Thätigkeit gebrachten zersetzenden Elemente betrachte.Der Segen des Priesters geht dem Brasilianer über alles und hat besonders amFreitage nach seiner Meinung eine ausnehmende Kraft. Der heiligen MutterGottes (Ao88g 8enhora) ist er ungemein zugethan, freilich nach seiner Art, inetwas übertriebener, daher auch »»kirchlicher Richtung. Todtenmessen lind hierzahlreicher als irgendwo, selbst der Ungläubigste läßt deren zur Seelenruhe seinerverstorbenen Angehörigen abhalten und ladet im Haupt-Journale seine Freundedazu ein. Jeder ohne Ausnahme, der Vermögen besitzt, vermacht Etwas demSpitale zur Misericordia: hochgestellte Beamte, selbst Minister gehören zur Bruder-schaft, deren Aufgabe eS ist, das Gedeihen dieser Anstalt zu fördern. Eben solcheund selbst jene, die Mitglieder geheimer Gesellschaften sind, erscheinen auch beivfsentlichen Processionen, im Gewände irgend einer Bruderschaft, der sie einver-leibt sind. Die, welche noch die heilige Messe hören, thuen es knieend, mögensie Soldaten, Beamte, sein gekleidete Damen, oder Neger und Mamelucken sein.Man kann es zwar Manchem ansehen, daß ihm das Knieen sauer wird, dennochharrt er aus. Es gibt auch in den Kirchen weder Kniebänke noch Sitze. Beim