Ausgabe 
20 (22.7.1860) 30
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Eintritt in dieselbe besprengt sich Jeder mit Weihwasser und macht 'eine so ehr-erbietige Verbeugung, wie ich sie an manchen Orten Deutschlands kaum bemerkthabe, die ganz Frommen gehen dann zu den Bildern und Statuen, die sie küssenund besteigen manchmal das Postament dieser letzteren, woran die Kinder selbsthinaufklettern. Dann hat aber auch bei sehr Vielen die Andacht ihr Ende erreicht,und ganz weltliche Zerstreuung tritt an deren Stelle. So sehen Ew. Hochwürden,daß wirklich der Glaube noch im Volke wurzelt, obwohl er, weil der ihn belebendeGeist gewichen, bei Vielen in ein mechanisches, todtes, säst abergläubisches Formen-wesen übergegangen ist. Zwar möchte ich hierin nicht Alles einer bloßen Äußer-lichkeit oder einem Gepränge von Religiosität, die man zur Schau tragen will,zuschreiben, immerhin aber darf ich behaupten, daß es hier mit der Religionund den sittlichen Zuständen recht schlimm stehe. Die Ansicht erfahrener undurtheilssähiger Männer leitet und unterstützt meine eigenen Beobachtungen.

An der nothwendigsten Wissenschaft der ewigen Heilswahrheiten und desReligionsunterrichtes gebricht es, so zu sagen, ganz. In den Schulen wird da-raus keine oder nur geringe Rücksicht genommen; da überhaupt die ganze Erziehung,besonders die der studirenden Jugend, der Töchter höherer Stände, junger Zög-linge für Marine und Handel in den Händen europäischer Pädagogen undLehrer liegt, von denen Manche durch ihren rationalen Liberalismus und Jn-differentismus eher geeignet sind Religion und Sittlichkeit zu untergraben, alsdieselben einzupflanzen und zu fördern. Nicht einmal gründliche, profane Wissen-schaft und echte Bildung darf man da erwarten. Freilich muß eine schöneSchminke von Aufklärung und sogennantem Fortschritt das Oberflächliche undPrincipienlose decken. Umsonst sucht man in den Tagesblättern einen etwasgediegenen Aufsatz, umsonst irgend welche gesunde Erzeugnisse klassischer Literaturund gründlicher Philosophie zur Nahrung des Geistes. Nur für Industrie, Materia-lismus und Genußsucht scheint die Presse rührig zu sein. Sehr selten sind hier guteBücher, indeß leichtfertige, schlüpfrige, schändliche Romane der Menge nach in'sLand gebracht und verbreitet werden. Und wären diese verderblichen Schriftennur die einzigen unheilbringenden Producte, welche Europa mit Brasilien aus-tauscht!

Der Reichthum dieses Landes, welcher dem Handel so ergiebige Quellenbietet, und die Leichtigkeit, mit der hier manche Ausländer zu Vermögen undAnsehen gelangen, ziehen zahlreiche Fremde aus den verschiedensten Ländernhierher, namentlich Engländer, Franzosen, Deutsche und Portugiesen, wohl auchNordamerikaner, und es kann da nicht ausbleiben, daß sie etwas weit Schlimmeres,als bloße Speculationen und Handelsgelüste mit hineinbringen: die Einen feineGenußsucht und üppigen Luxus, zugleich mit rohem Materialismns, die Anderenfreisinnigen Rationalismus und religiösen Jndisferentismus, dessen letzte Konse-quenz Unglaube und Haß gegen die Kirche ist. Die Brasilianer aber, unerfahrenund halbgebildet, wie sie sind, von Natur zur Bequemlichkeit, fast zur Trägheithinneigend, ein phantastisches, auf eingebildete Größe stolzes Volk, das derSchmeichelei so leicht zugänglich ist, läßt sich gern in goldene Träume einwiegenund schlürft das Gift unvermerkt, ja Wohl selbst mit behaglichem Genusse ein.Die Brasilianer können nun einmal die Europäer nicht entbehren. Sie brauchensehr viel zum Leben, können aber die dazu erforderlichen Gewerbe- und Kunst-erzeugnisse selbst nicht liefern. Kostbare Naturalien und Geld besitzen sie: Lock-speise genug für die industriellen Europäer, ihnen das Uebrige zu verschaffen.Für Gold aus den Minen, die nun freilich größtentheils die Engländer in derProvinz Minas Geraes ausbeuten, für Kaffee, Zucker, Farbeholz, Ochsenhäuteund andere Artikel liefern sie ihnen Fabricate jeder Art; Alles, was zum Lebenund zum heiteren Lebensgenuß nützlich, bequem oder angenehm ist; bauen Straßenund Eisenbahnen, Fabriken, Gasthöfe, Theater und erlangen so einen bedeutenden