235
Einfluß auf das Volk. Gewiß bringen sie in materieller Beziehung selber teil-weise in der Civilisation bessere Zustände hervor: wie wir es ihnen denn gernDank wissen/ wenn sie für die Reinlichkeit und Beleuchtung der Straßen, fürVerdünnung der mephitischen Luft, für angemessene Civilisirung der Neger, wohlauch zur Wahrung des öffentlichen Austandes manches Lobenswerthe thun. —Aber eine Umwandlung der Herzen, eine Besserung des unsittlichen Lebens, diebringen sie wahrlich mit aller Aufklärung nicht zu Stande. Und es ist doch inder That grausenhaft, wenn man in diesen Abgrund moralischer Verkommenheithineinblickt, der sich selber der Öffentlichkeit nicht verschließt. Meine Feder sträubtsich, Ihnen hiervon eine genauere Schilderung zu entwerfen. — Und wie mußLiese so vielfach genährte Fäulniß immer mehr um sich greisen, da leider auchdas Salz mitunter schal geworden ist! Was hierbei noch einigermaßen tröstet, ist,daß sowohl die Lazaristen, die einige Knabenseminare und ein bischöfliches Priester-seminar leiten, als auch die Capuziner, die mehr gelegentlich einigen TheologenAnweisung zum geistlichen Leben ertheilen, nach Kräften zur Förderung deskirchlichen Lebens beitragen.
Die Lazaristen sind hier zunächst die geistlichen Väter der barmherzigenSchwestern und daher auch Seelsorger für die von denselben geleiteten Spitälerund Schulen. Mit der größten Liebe haben sie uns empfangen und theilen mituns ihre Wohnung. Die Capuziner sind in ihrem Berufe sehr thätig und wahreApostel der armen Neger. Ihre Kirche, in der ich oft die heil. Messe lese, wirdvon vielen noch treuen und eifrigen Katholiken, auch aus den höheren und ge-bildeten Ständen besucht. Sie stehen, wie überhaupt Ordenspriester aus Europa beim Volke in Achtung, und man hört ihre Predigten mit Aufmerksamkeit, zu-weilen mit lauten Aeußerungen des Beifalls oder Unwillens. Leider sind dieguten Patres, wie auch andere Priester in ihrem Wirken behindert, wo die Grund-sätze, welche am Ende des vorigen und im Anfange dieses Jahrhunderts anmanchen Orten in Europa Geltung fanden, bedeutenden Einfluß üben. Diesengemäß, wird die katholische Kirche als Staatsanstalt angesehen und als solchebehandelt, was natürlich auf die Entwickelung des religiösen Lebens höchst nach-theilig wirken muß. Nehmen Sie noch hinzu, daß auch hier wie in Europa diegeheimen Gesellschaften stark sich verbreiten, so wird Ihnen manche Schattirungin diesem düsteren Bilde nicht mehr so räthselhaft vorkommen.
Im verflossenen Jahre war einige Aussicht auf bessere Zustände vorhanden,da durch Vermittelung des hier anwesenden päpstlichen Legaten, dessen Weisheitund Geschäftskunde von der Regierung wie von den fremden Gesandten hochge-achtet wurden, ein Concordat mit dem heil. Stuhle erzielt werden sollte, zu dessennahem Abschluß wirklich Alles vorbereitet war. Da raffte leider das gelbe Fieberden erlauchten Prälaten hinweg und noch sind keine weiteren Verhandlungenangeknüpft, obwohl man fortwährend einen neuen Legaten erwartet.
Der häufige Verkehr, in dem wir hier mit den hochwürdigen Patres Lazaristen und Capuzinern stehen, die schon längere Zeit in diesem Lande die Verrichtungenihres heiligen Amtes üben und alle Verhältnisse genau kennen, ist für uns sehrnützlich, da diese würdigen Männer mit großer Zuvorkommenheit ihre Erfahrungenuns mittheilen. Besonders gab mir der hochwürdige Pater Wendelin, Capuzineraus Tirol, über Manches sehr angemessene Ausschlüsse. Dieser eifrige Priesterhat Brasilien nach allen Richtungen durchwandert, verkehrte mit den höchstge-stellten Personen, denen er auch am Sterbebette beistand, wie mit den ärmstenNegern, deren Protector er ist und mit Fremden aus verschiedenen Nationen.Bald wird er eine Reise nach Europa antreten.
Es gibt hier auch noch einige Patres Franziskaner vom heiligen Grabe.Diese Ordensmänner leisten, wie die vorgenannten, derKirche wesentliche Dienste.—Allein was ist ihre geringe Zahl für diese Millionen Menschen, deren unsterbliche