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Es war ein Schmerzenslächeln, durch göttliche, obwohl unvergoltene Liebe erhellt.Der Strahlenschein wurde glänzender, als der Mönch mit liebeverllärtem Mit-leid auf die Züge des Todten blickte, der den Tod besiegte. Diese himmelerhclltcnZüge waren in seinem Herzen portraitirt, während eine Stimme in seiner Seeleihm gebot, jenen Blick auf irgend einem unvergänglichen Stoffe zu fesseln.
Der Mönch erwachte für dir äußerliche Welt als wie aus einer todesähn-lichen Verzückung — er erhob sich von der harten Erde, auf welcher er unbe-wußt niedergestreckt lag — er weinte.
Er hatte oft zuvor in den tiefen Betrachtungen in seiner Zelle versucht,die Scenen aufzufassen, welche das Vollbringen der Erlösung der Welt begleiteten.Er wünschte dort gewesen zu sein, um seine Liebe zu erklären. War jene Missionihm verliehen, und das große Werk ihm als Bußarbeit auferlegt? Er fühlteseine eigene Unwürdigkeit und seine Schwachheit zur Vollführung des Gebotes,welches ihm noch durch jeden Nerv, jede Fiber und durch sein Gehirn strömte.Aber die bald zurückkehrende Vernunft sagte ihm, daß der Mensch stets im Standeist, die ihm auferlegte Last zu tragen, wenn er Kraft sucht, wo sie allein gefundenwerden kann. Er fühlte, wie tief auch seine eigene Unwürdigkeit sein möge,daß er in der unbefleckten Mutter des Heilands eine Schutzpatronin habe, welchenie ihre Bittenden verläßt, wenn man sich mit Zuversicht an sie wendet. DerMönch rief ihren Beistand an, auf daß sie ihn leiten und Kraft verleihen mögezur Erfüllung seines Werkes. Die Hoffnung belebte ihn — er fühlte, die Kraftwerde ihm verliehen werden.
In dem alten Vorrathszimmer des Klosters, wohin Bruder Carlo's Pflichtenihn häufig riefen, lag ein massives Stück Elfenbein. Nimand wußte, woher eskam, außer durch eine alte, jetzt fast vergessene Tradition, welche es als denFangzahn irgend eines Ungeheuers von der Elephanten-Gattung beschrieb, dasvor der Sündfluth die Erde stampfte. Sicherlich existirt jetzt kein Thier, welcheseine so große Masse Elfenbein als Fangzahn tragen könnte. Es war in früherenZeiten häufig von Antiquaren untersucht worden, und alle waren darin einver-standen, daß sie ihm ein vorsündfluthliches Datum beilegten. Man hatte fernergemuthmaßt, daß es in früheren Zeitaltern durch ein genuesisches Schiff aus demOrient gebracht worden sei. Es konnte in der That keinem neueren Zeitalterangehören. Es maß über drei Fuß in der Länge, vierzehn Zoll im Durchmesser,und wog einhundert und fünf und zwanzig Pfund.
Als der Mönch in jener Nacht auf seinem harten Lager lag, dachte er andiese ungeheure Masse Elfenbein. Er dachte nicht an die Schwierigkeiten ihrerUmbildung in die erforderliche Gestalt, er sah darin nur den von der Vorsehungdargereichten Gegenstand, aus dem er eine Darstellung jener leidenden, abergöttlichen Züge schneiden sollte, die so unvertilgbar in seinem Herzen eingegrabenwaren. Er dankte dem Himmel und erneuerte seine Andacht zu ihr, die mandie I'urris eburnka nannte. Am nächsten Tage schaffte er unter dem Beistandeseiner Mönchsbrüder, denen er seine Vision mitgetheilt hatte, die beinahe ver-gessene Masse Elfenbein nach seiner einsamen Zelle, nebst solchen Werkzeugen,wie er sie sich verschaffen konnte. Und jetzt begann er sein großes Werk — einWerk der Buße und der Liebe. Er mußte erst die verdorbenen Theile entfernen.Die Außenseite war ein schmutziges, poröses Grau, die zunächst liegenden Theilewaren dichter und gefleckt braun', dann folgte eine Abtheilung, so schwarz wieEbenholz, und nachdem dies hinweggeschasit war, wurde eine zolldicke Haut, fastso hart wie Glas abgehauen, und dann blieb ein solides Stück reinen Elfenberns übrig,kaum weniger hart, von gelblicher Rahm-Farbe. Und nun konnte Bruder Carlodie Verkörperung seiner Vision beginnen.
Vier volle Jahre lang arbeitete er an einem Block, der zu hart für denMeißel war. Ost arbeitete er zwanzig, zuweilen sogar dreißig Stunden hinter