einander mit kaum soviel Speise, als zur Erhaltung des Lebens nothwendig war,und versagte sich die Ruhe, bis ihn die Natur zwang, kurze Rast zu suchen. Zu-weilen beschlichen ihn auch Gedanken der Ermüdung oder Trägheit, und seininnerer Kampf wurde auf seinen eingefallenen Zügen sichtbar. Aber er verjagtesolche Gedanken augenblicklich als Eingebungen des Bösen, um ihn von seinemihm zugetheilten Werke zu verführen oder zu schrecken. Dann Pflegte er seineZuflucht zum Gebet zu nehmen, und sich vor dem Heilande niederzuwerfen, oderzur Jungfrau zu flehen, daß sie ihm die Gnade der Ausdauer in seinem Werkeverleihe. Wenn er sich aus dem Kampfe erhob, gaben seine hohe, bleiche Stirnund seine glühenden, sinnenden Augen Zeugniß von der Hoffnung und demhohen Entschlüsse. Als das Werk der Vollendung zuschritt, war die Geschichteseiner außerordentlichen Verdienste als Kunstwerk und der außerordentlichen Um-stände, unter denen es geschaffen wurde, sowie der Inspiration, nach welcher esmodellirt war, über die Klostermauern hinausgedrungen. Aber der Künstler-Mönch hatte keine Eitelkeit, welcher das Lob der Welt schmeicheln konnte, obwohlhäufig ausgezeichnete Männer von Zeit zu Zeit seine abgeschlossene Zellebesuchten.
Er war stets bescheiden, warf sich häufig vor dem Bilde seines gekreuzigtenMeisters nieder und betete, daß es in einer Weise vollendet werden möge, dieSeiner in Etwas würdig sei. Er war jetzt 19 Jahre im St. Nicolausklostergewesen, im ersten Jahre als Novice, und hatte sich in den letzten vier Jahrendem Werke gewidmet. Am Schluß des Jahres 18-13 besuchte Mr. E. Lester,Consul der Ver. Staaten zu Genua , das Kloster, und von Bewunderung über seineVollkommenheit betroffen, beschloß er, der Besitzer des Werkes zu werden. Nachlanger Ueberredung wurde der Mönch bewogen, sich von seinem großen Werkefür eine sehr große Summe zu trennen, welche, da er das Gelübde der Armuthabgelegt hatte, zum Gebrauch des Klosters für mildthätige Zwecke verwendetwurde. Sechs Monate lang, nachdem das Crucifix aus seinem Besitz gegangenwar, besuchte der Mönch mit Erlaubniß seines Superiors die Wohnung des Mr.Lester, um dem Werke den letzten Ausputz zu geben und kehrte dann zu seinenPflichten als der einfache Laienbruder von St. Nicolaus von Tolentino zurück.
Das Meisterwerk der Kunst wurde in der Akademie der schönen Künste zuGenua ausgestellt, und Künstler aus allen Theilen Italiens strömten herbei, eszu betrachten. Die berühmtesten Anatomen Italiens prüften es, und erklärtenes einstimmig für ein Werk unnachahmlicher Kunst und anatomischer Genauig-keit, das als nichts Geringeres, als ein Wunder betrachtet werden könne, da es ausden Händen eines einfachen Mönchs kam, dem nie ein irdischer Meister die Grund-züge anotomischen Wissens gelehrt, und der dieselben nie von Menschen empfan-gen hatte.
In der Figur des gekreuzigten Christus steht man die zarten Adern, alsob sie durch die Haut cursirten, jede Muskel ist geformt, als ob sie lebte — undalles dies mit den genauesten Einzelheiten, die man nur nach eifrigem Studiumkennen lernen konnte. Die Form eines jeden Theiles eines von einem Kreuzeherabhängenden Körpers ist auf's Wundervollste zur Anschauung gebracht. Aberder Triumph des Werkes (wenn ein Theil einen andern übertreffen kann) ist indem göttlichen Antlitz. Von Genua wurde es auf Anregung des größten ameri-kanischen Bildhauers, Herrn Powers, nach Florenz gebracht. Er glaubte einenTheil der Augenbraunen verbessern zu können, und die Statue blieb zehn Tagelang zu dem Zwecke bei ihm, aber als diese zehn Tage verstrichen waren, er-kannte er aufrichtig an, daß es seiner Ansicht nach von keinem Künstler auf Er-den, und gewiß „nicht von mir", fügte er hinzu, verbessert werden könne. Eswurde später in mehreren Städten Europa's und Amerika '? ausgestellt (ein Um-stand, der uns verhindert, näher auf die Einzelnheiten einzugehen), und aller