Ausgabe 
20 (29.7.1860) 31
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guckten mich mit ihren Mohrengesichtern wie scheue Hündchen an. Wenn ihnendarauf ein Bekannter vom Hause ein Stück Brod oder eine süße Frucht zeigte,so kamen sie wieder heran, und ich hätte mich mit ihnen unterhalten können,falls wir uns verstanden hätten. Die Waisenkinder im Spital sind gar interessant,und die barmherzigen Schwestern erziehen sie vortrefflich. Nichts macht mirmehr Vergnügen, als unter einem Corps solcher Kinder zu stehen, die alle Farbenim Gesichte tragen, von der blaßweißen bis zur kohlschwarzen, und dabei so buntgekleidet sind, wie die Vogel Brasiliens . Die Kinder der Weißen sind hier wieüberall; sie lärmen, schreien und schlagen sich, indeß die Negerkinder sanfter undnachgiebiger sind. O, wie viel Gutes könnte man hier allein bei den Kindernwirken! Tausende wachsen auf, wie die jungen Waldbewohner, die von einemAst zum andern springen; der Schulbesuch ist frei, und nur die Reichen schickenihre Kinder zur Schule. Eines Tages hatten die barmherzigen Schwesterneine Schaar Schwarzer von fünf bis acht Jahren in ein Schulzimmer einge-schlossen. Ich ging vorbei, da vernahm ich Plötzlich ein Geschrei, als wären Rabenin der Nähe. Ich blickte um mich, siehe! die kleinen Schwarzen steckten durchdie Fenstergitter ihre wolligen Köpfe und glänzenden Gesichter.Venor, Vener,"riefen sie Allemir entgegen. Ich trat näher.Ihrsprecht ja französisch, Kinder!"

Oui, ülonsieur.

Ich unterhielt mich dann mit ihnen, sie waren so herzlich und munter,redeten so verständlich, daß ich ganz entzückt war. Da fragte ich:Woher kenntihr mich?"

Sie haben uns heute die heilige Messe gelesen.

Habt ihr etwa beigewohnt?"

Ja, ja!

Habt ihr gebetet?"

Ja!

Ich stellte dann ein Gespräch über den Katechismus an. Unter Anderemsagte ich Einem:Da ihr Alle das Kreuz machen könnt, gut, du Kleiner,mache es." Da fletschte der Junge die Zähne, warf seine funkelnden Aeugleinumher, stieß einen fast affenartigen Laut aus und ballte ingrimmig die Faustgegen mich. Was da Plötzlich für Ideen in dem schwarzen Köpfchen auftauchten,weiß ich nicht: ob sich sein Ehrgefühl durch eine so gewöhnliche Frage verletztglaubte? Ich hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken, und mußte die Unter-haltung schließen. Alle Kinder verabschiedeten sich so artig, wie sonst Kinderin gebildeten Familien, reichten mir durch das Gitter die Hand und entließenmich unter Freudengeschrei.

Ein anderes Mal lernte ich von ?. Wendelin, der das trefflich versteht,wie man mit den ziemlich abgestumpften und doch gutmüthigen Negern ganzeigenthümlich umgehen müsse. Ein Schwarzer lief ihm gerade in die Hände,dessen nicht musterhaften Wandel er kannte.

Du bist doch ein rechter Taugenichts, daß du solche Gemeinheiten begehst."

8ou twmem, sou komem (ich bin ein Mensch).

Was, ein Mensch bist du? Du handelst ja wie ein unvernünftigesThier."

Pater, soll ich einen Act der Reue erwecken?

Ja wohl, das hast du schon nothwendig. Du hast dadurch gesündigt."

Dies Letztere schien er nicht gefaßt zu haben. 1*. Wendelin half also nach,.um ihm deutlich zu machen, was sündigen heiße.

Du bist ein Sclave?"

Ja!

Siehe, dein Herr kann mit deinem Leibe machen, was er will, dich ver-kaufen, dich prügeln, dir Lasten auflegen. Aber über deine Seele hat er Nichts