Ausgabe 
20 (29.7.1860) 31
Seite
245
 
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gehorsam, sondern aus Leichtsinn; und wenn man sie deßhalb bestrafte, machtesie kein trotziges Gesicht, sondern weinte, versprach in Zukunft folgsamer zu sein,wischte sich die Thränen ab und war hierauf für viele Tage aufmerksam auf dieBefehle der Eltern und des Lehrers. Aber einen großen Fehler hatte Hannchendoch: es dauerte ihr Alles gleich zu lang, was ihr nicht Unterhaltung gewährte;besonders wurde ihr beim Beten gar bald die Zeit zu lang. Ja, wenn derLehrer in der Schule vom guten Gott sprach, wie schön er die Welt gemachthabe und wie das Alles nur durch sein Allmachtswort entstanden sei, dadauerte es ihr immer zu kurz. Aber beten und im süßen Namen Jesu mit dem liebenHimmelsvater sprechen, das that sie doch nicht gern, oder doch nicht lange; dennsie meinte: weil Gott Alles wisse, so müsse er auch wissen, daß sie ihn lieb habe;ihm danke oder ihn in ihrem Herzen um Dieses oder Jenes bitte. Darumsagte sie beim Abendgebet gar gern:Lieber Gott ! du weißt schon, was ichbrauche, gib es mir! Amen."

Das war aber nicht recht von Hannchen; und eben, weil der liebe Gottwohl wußte, was sie brauchte, lehrte er sie vor Allem selbst das Beten, so daßsie es nicht mehr verlernte, so lange sie lebte. Hört nur, wie das geschah.

Es war ein wunderschöner Sommertag; die Mücken tanzten in der Luft,die Grille zirpte in ihrer kleinen Höhle, die Wachtel schlug im Grase und dieVögel sangen die schönsten Lieder; der Himmel war so blau, daß ihn kein ein-ziges Wölkchen verdüsterte; nur die kleinen weißen Himmelsschäffchen versilbertenihn, und im Walde, da reiften bereits die süßen Erdbeeren, so daß Hannchenmeinte, die Mutter brauche gar nicht mehr zu kochen.

Die Schule war aus, die Eltern hatten im Felde zu thun. Auf dem Landeist es nicht wie in der Stadt, wo die Kindsmagd das Vesperbrod bringt; aufdem Lande holen es sich die Kinder selbst, wenn der Wald so nahe ist und esErdbeeren gibt. Hannchen ging also in den Wald hinaus, ganz allein, das warihr nicht verboten, denn das thun alle Dorfkinder; nur war ihr befohlen, beimGebetläuten wieder zu Hause zu sein. Hannchen hatte ein Töpfchen bei sich, inbas sie die Erdbeeren, welche sie nicht selber, hineinthat, um sie des andernTages an die Stadtkinder zu verkaufen. Beim Beerensuchen kam sie immertiefer in den Wald hinein, wo das Gras, die Kräuter, die Blumen und dasMoos immer schöner werden, weil die heiße Sonne nur mild durch die Zweigeblickt, und sie also nicht austrocknet und der Fuß der Menschen sie nicht zertritt.Da gibt es auch noch schönere Schmetterlinge und noch glänzendere Käfer alsnahe beim Wege und Dorfe.

Hannchen hatte bereits viele Beeren im Töpfchen und noch mehr im Magen;sie meinte also nun ausruhen zu dürfen, und legte sich in's hohe, weiche Gras,sah die schöne blaue Himmelsfarbe durch die Zweige der Bäume schimmern unddann blickte sie wieder zur Erde nieder auf das Käferchen, das über den Gras-halm kroch, und wieder herunterfiel und dann wieder hinaufkletterte, und dachte,daß es weit geduldiger sei, als sie selbst; dann horchte sie aus den Gesang derVögel und ahmte ihre Stimmen nach; und dann mußte sie über Alles, über sichselbst lachen, und das war lustig. Hier und da dachte sie freilich an's Heim-gehen; aber wenn sie einige Schritte gegangen war, mußte sie wieder stehenbleiben; denn sie sah ja dorten im Gebüsch ein Häschen sich putzen, und dortauf dem Baume ein Eichhörnchen springen, und da eine so große prächtige Erd-beere, die allein schon einen Kreuzer werth war, und die sie pflücken mußte. Sokam allmälig der Abend heran; es wurde schon ein wenig düster, denn die Sonnewar bereits untergegangen; sie hatte aber doch das Gebetläuten noch nicht ge-hört und war noch gar nicht müde und schläfrig.

Nun machte sie sich aber doch eilig auf den Weg; denn Plötzlich wurde ihrbange, zuerst nur, weil sie fürchtete, von der Mutter gezankt zu werden; dann