Ausgabe 
20 (29.7.1860) 31
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fiel ihr ein, daß der Vater ihr früher einmal wegen zu langen AusbleibensStrafe angeboten hatte. Sie lief nun, was sie konnte, aber sie kam doch nichtschnell weiter; bald blieb sie mit den Kleidern am Gesträuche hängen; baldschlugen ihr die Zweige in's Gesicht; zuletzt trat sie in einen Dorn und sankvor Schmerz zur Erde nieder; zugleich wurde es ihr ganz wirre im Kopse, sieerkannte den Weg nicht mehr und es war inzwischen auch ganz dunkel geworden.

Weiter gehen konnte sie nicht, denn die bloßen Füße waren ganz wund ge-treten und der scharfe Dorn verursachte entsetzliche Schmerzen, wenn sie auftrat.Was sollte sie thun? Sie weinte bitterlich und das Herz pochte laut inentsetzlicher Angst. Der sonst so schöne Wald kam ihr grausenhaft vor; die Stille,welche nunmehr eingetreten, machte es ihr recht klar, wie allein und ganz ver-lassen sie war; und wenn es hier und da im Gebüsche rauschte, dann hörtedas Herzchen beinahe zu klopfen auf vor Angst.

Nun fürchtete sie sich nicht mehr vor Vater und Mutter; o wie gernehätte sie Zank und Strafe hingenommen, wenn nur Eines von ihnen gekommenwäre; aber wie sie auch nach Vater und Mutter rief Niemand kam.

In dieser entsetzlichen Angst fiel ihr Plötzlich ein Verslein des Büchleins,in dem sie in der Schule lasen, ein:

Gebet erlöst aus aller Noth;

Drum bete und vertrau auf Gott !"

Und wieder ein anderes:

Vertrau auf Gott und laß ihn walten;

Er wird dich wunderbar erhalten!"

Nun war dem armen Hannchen plötzlich leichter um's Herz; sie wußte,was sie thun konnte. Augenblicklich kniete sie nieder, faltete die Händchen, sagteaber nicht:Lieber Gott, vu weißt schon, was ich brauche, gib es mir! Amen."Nein, sie rief mit inniger, flehender Stimme:

Lieber Gott ! ich habe mich im Walde verirrt; ich fürchte mich entsetzlich!Gewiß thut mir ein böses Thier etwas, oder ein Räuber nimmt mich mit, daßich nie mehr zu Vater und Mutter komme; oder ich muß im Walde verhungern!O Gott! du hast ja deine Kinder lieb und erhörst sie, wenn sie beten! O hilfmir und sende meine Eltern zu mir, daß sie mich nach Hause führen, und laßmeinen Schutzengel über mir wachen!"

Als Hannchen oft und oft dieses Gebet verrichtet hat, fiel es ihr schwerauf's Herz, daß sie früher gar nicht beten wollte; da erinnerte sie sich vielerfrommer Verse, die sie in der Schule hatte lernen müssen, und wie sie so imGrase lag, wiederholte sie einen derselben und sprach leise:

Bin ich allein in dunkler Nacht,Und will mir bange werden,

So denk ich: Sternlein halten WachtNun statt der Sonn auf Erden.

Und denke das sind Engelein,

Die alle mich bewahren,

Und jedes Kind, so schwach und klein,Umgeben in Gefahren.

Und denke: Wie der Mond so klarSieht Gottes Aug hernieder;

Und legt den Schlaf so wunderbarAus meine Augenlider.

Und webet süße Träume mirIn meinem tiefen Schlummer;

Drum wacht mein Heiland über mir,So schlaf ich ohne Kummer.

O scheinet Mond und Sternelein!

Ihr sollt ein Bild mir werdenVon Gott und seinen Engelein,

Die wachen stets auf Erden!"

Hannchen hatte die letzten Worte schon halb im Schlafe gesprochen; denn