Ausgabe 
20 (29.7.1860) 31
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von Müdigkeit, Angst und Weinen wurde sie leise in Schlummer gewiegt, undein schöner Traum von

Gott und seinen Engelein,

Die wachen stets aus Erden",

versüßte den Schlummer des armen Kindes.

Sie mochte geraume Zeit geschlafen haben; der Mond war inzwischen auf-gegangen und belauschte ihren Schlaf. Da wurde es Plötzlich ganz hell im Walde;große Lichter, von Männern getragen, zogen daher und voraus lief eine Frau,welche unter Schluchzen laut rief:O Hannchen! mein Kind! wo bist du?"Als sie zu der Stelle kamen, wo Hannchen schlief, fiel eben der klare Mondscheinauf das blasse Kindesgesicht, und mit dem lauten Schrei:Das ist mein Kind!mein kleines, verlorenes Hannchen!" stürzte die Mutter auf die Kniee und drückteihr Mädchen auf die Brust.

Hannchen öffnete verwundert die Augen: noch erkannte sie ihre Mutternicht; sie hielt die Lichter für den Schein der Engel, von denen sie geträumthatte. Als sie aber den Vater und die übrigen Männer sah, stieß sie einenlauten Freudenschrei aus und siel ihrer guten Mutter um den Hals.

O wie hatte sich diese inzwischen geängstiget, als es Nacht wurde, und ihrTöchterchen nicht vom Walde zurückkam! Alle Nachbarn theilten ihren Jammerund suchten mit ihr seit vielen Stunden das Verlorne Kind, und die armeMutter hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, ihr Hannchen wieder lebend an'sHerz zu drücken. Als sie nun ihr Mädchen gefunden hatte, sank sie mit dem-selben auf die Kniee und rief laut aus:Gott im Himmel, ich danke dir!"Der Vater nahm nun Hannchen auf den Arm, trug es heim und legte es in'swarme Bettchen.

Als Hannchen des andern Tags erwachte, war ihr Erstes, Gott knieendfür ihre Errettung zu danken. Sie hatte, obwohl noch ein kleines Kind, dochin der großen Noth gelernt, wie heilsam und tröstlich das Beten sei, und daßdiese Lehre, welche der gute Gott ihr im dunklen'Walde gegeben hatte, für siesehr nothwendig gewesen wäre. Von dieser Zeit an durfte man Hannchenaber nimmer zum Gebete mahnen, es dauerte ihr auch nie mehr zu lange, viel-mehr war es für sie eine süße Freude.

Was sagt Schiller über den Papst?

Es ist gewiß überaus merkwürdig, daß gerade die hochbegabtesten Männer,selbst wenn sie nach ihrer sonstigen Denkweise zu den Gegnern des Papstes undder katholischen Kirche gehören, dennoch vom geschichtlichen Standpuncte aus einegroße Achtung und Erfurcht vor dem Papstthum an den Tag legen. So sagtSchiller, den Deutschland als seinen größten Dichter ehrt, in seineruniversal-historischen Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten zu den ZeitenKaiser Friedrichs I.:Man sah Kaiser und Könige, erleuchtete Staatsmännerund unbeugsame Krieger im Dränge der Umstände Rechte aufopfern, ihren Grund-sätzen ungetreu werden und der Nothwendigkeit weichen; so etwas begegnet seltenoder nie einem Papste. Auch wenn er im Elend umherirrte, in Italien keinenFuß breit Landes, keine ihm holde Seele besaß, und von der Barmherzigkeit derFremdlinge lebte, hielt er standhaft über den Vorrechten seines Stuhles undder Kirche. Wenn jede andere politische Gemeinheit durch die persönlichen Eigen-schaften derer, welchen ihre Verwaltung übertragen ist, zu gewissen Zeiten etwasgelitten hat und leidet, so war dies kaum jemals der Fall bei der Kirche undihrem Oberhaupte. So ungleich sich auch die Päpste in Temperament, Denkart