Ausgabe 
20 (29.7.1860) 31
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und Fähigkeit sein mochten; so standhaft, so gleichförmig, so unveränderlich warihre Politik. Ihre Fähigkeit, ihr Temperament ihre Denkart schien in ihr Amtgar nicht einzuflößen; ihre Persönlichkeit, möchte man sagen, zerfloß in ihrerWürde, und die Leidenschaft erlosch unter der dreifachen Krone. Obgleich mitjedem hinscheidenden Papste die Kette der Thronfolge abriß und mit jedem neuenPapste wieder frisch geknüpft wurde, obgleich kein Thron in der Welt so oftseinen Herrn veränderte, so stürmisch verlassen wurde; so war dies doch der ein-zige Thron in der christlichen Welt, der seinen Besitzer nie zu verändern schien,weil nur die Päpste starben, aber der Geist, der sie belebte, unsterblich war."

Die Thüre.

* Der Bruder des seligen Thomas von Kempis hatte ein schönes Hausbauen lassen, und jeden Besucher machte er aus die Schönheiten desselben auf-merksam und fragte ihn dann nach seinem Urtheile. Die Meisten seiner Freundeund Bekannten lobten dasselbe ausserordentlich. Einer aber wollte doch einenFehler an ihm erkennen. Welchen? fragte der Hausbesitzer gereizt.>Daß das Haus eine Thüre hat erwiderte der Tadelnde ruhig. Wie!versetzte der Bruder des gottseligen Thomas von Kempis mit spöttischer Miene:hat nicht jedes Haus eine Thüre, damit man ein- und ausgehen kann? Wohlentgegnete der Tadler allein für Dich ist dies ein Fehler, denn aus dieserThüre wirst Du einst todt herausgetragen werden und dann von allen Annehm-lichkeiten Deines Hauses, welche dir dasselbe jetzt so anziehend machen, keineeinzige mit Dir nehmen können.

Mensch! diesem Hause ist in vielen Beziehungen dein Körper vergleichbar,die Wohnstätte deiner Seele. Du hast ihn zwar nicht selbst geschaffen, alleinauf seine Erhaltung und Bequemlichkeit verwendest Du das Uebermaaß deinerKräfte. Seine Reize und Vorzüge bewunderst Du und läßt sie so gerne von Andernbewundern. Du vergissest jedoch, daß Du fünf Sinne hast, durch welche dergeistige Tod, wie durch Pforten, zu deiner Seele eindringen kann. Und istDeine Seele ein Opfer dieses Todes für immer geworden, welche körperlichenReize und Vorzüge kann sie mit sich nehmen in die Ewigkeit? Belächle alsonicht den Freund, der Dich auf die Lust Deiner Sinne aufmerksam macht, undsage nicht zu ihm: habe ich nicht Augen, damit ich sehe, und Ohren, auf daß ichhöre? Denn wisse: der verblendete Bruder jenes gottseligen Mannes besaß nurEinen Freund, welcher ihm die thörichte Liebe zu seinem Hause vorhielt. AlleAndern aber stimmten in das Lob des Hauses mit ein und rechtfertigten so dieeitle Liebe zn demselben. _

Gerechte Strafe.

Im Departement Untere Charente in Frankreich lebte eine beiläufig neunund achtzig Jahr alte Frau, welche vor langer Zeit eine hohe Stellung einge-nommen hatte, von Almosen unter Entbehrungen. Ohnlängst wurde sie auf ein-mal von einem heftigen Uebelfinden befallen: einer ihrer Neffen, der anwesendwar, wollte einen Arzt holen, aber die liebe Frau, welche wußte, daß dieserBesuch etwas kosten würde, setzte sich dem Verlangen des jungen Menschen hart-näckig entgegen. Nach Verlaus einer Stunde starb die arme Alte aus Mangelan Hilfe. Man fand in ihrem Bettstroh 1750 Fünffrankenstücke, 530 Zwanzig-srankenstücke, 9 Banknoten zu 1000 Fr. und 10 Obligationen öer Stadt Paris ,jede nach der gegenwärtigen Taxe 1130 Fr. werth. Die Strafe war grecht:sie hat gegen Gott, gegen ihre Nächsten und gegen sich selbst gesündigt.

Redaction un» Verlag i I)in M. Hutilcr. Druck von I. M. Aleinlc.